adonnaM.mp3
Über die Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung
Eine MP3-Chronologie
Von den Anfängen bis Dezember 1998
Januar 1999 bis September 2000
September 2000 bis Ende 2001
Januar 2002 bis heute
Fotos der Ausstellung
Die Designarbeiten
I love you
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO

Luca Lampo & Marina Serina [epidemiC]

Eine MP3-Chronologie: Teil 3, September 2000 bis Ende 2001

September 2000.
Die Clinton-Bürokratie erlässt in bezug auf Sektion 1008 des Audio Home Recording Act (AHRA) einen Amicus Brief. Ein Amicus Brief ist eine Rechtsbesprechung, die von Außenstehenden an ein Strafverfahren herangetragen werden, die in irgendeiner Weise am Ergebnis desselben interessiert sind. Das Schriftstück bestreitet, dass Sektion 1008 des AHRA die Napster-User und die Firma selbst vor der Anklage der Copyright-Verletzung schützen könne.
Es wird hauptsächlich mit der Tatsache argumentiert, dass diese Sektion des ARHA sich auf Geräte bezieht, die dazu bestimmt sind, Kopien herzustellen, während ein PC nicht als „Digital Audio Recording Device“ bzw. als analoges Gerät definiert werden kann.
Außerdem gestattet und schützt ARHA die private, nicht kommerzielle Kopie von Inhalten, die vom Copyright geschützt sind, nicht aber deren öffentliche Verbreitung. Ist letzteres der Fall, verlangt ARHA die Zahlung einer Nutzungsgebühr, die weder Napster noch dessen User bezahlen könnten, da sie den Konstrukteuren oder Importeuren von „Digital Music Recordings“-Geräten vorbehalten ist.
Der Amicus Brief erschien einen Monat vor der vorgesehenen Urteilsfällung des Falls RIAA gegen Napster; er heizte die Auseinandersetzungen einiger exponierter Gegner der demokratischen Regierung an, die sich mit dieser Veröffentlichung die Sympathie der Schallplattenindustrie sicherte.

Die Polizei der Oklahoma State University kam mit einem Durchsuchungsbefehl zu einem Studenten und konfiszierte einen Computer sowie andere Ausrüstungsgegenstände; die Polizisten hatten einen Brief der RIAA erhalten, der besagte, dass „ein Individuum auf dem Campus Copyright-geschütztes Material in Umlauf bringt“. Die Hochschule konnte den verantwortlichen Studenten identifizieren, da RIAA die IP-Adresse weitergeleitet hatte. Ein Sprecher der Oklahoma State University sagte, über 1.000 Alben seien durchsucht worden.

Secure Digital Music Interactive (SDMI) entwickelt ein System gegen Raubkopien, das als „watermark“ bekannt ist: es geht im Prinzip darum, in das Musikdokument Schutzcodes einzufügen, die nur mit einem passenden Schlüssel zu entziffern sind, ohne den man das Lied nicht anhören kann. Um zu prüfen, wie sicher dieses System wirklich ist, hat die SDMI eine Belohnung von 10.000 Dollar für jeden ausgesetzt, der „watermark“ erfolgreich knackt.

„Dies ist eine Einladung; zeigt, was Ihr könnt, verdient Euch das Geld, und helft dabei, die Zukunft der Wirtschaft der digitalen Onlinemusik zu gestalten. Die Secure Digital Music Initiative ist eine Initiative verschiedener Industriezweige, die einen sicheren Rahmen für den digitalen Umlauf von Musik entwickeln wollen. SDMI-geschützter Inhalt soll eingebettet werden in ein unhörbares, robustes watermark oder wird andere Techniken anwenden, die dazu dienen, unautorisierte Kopien, File-sharing und den Gebrauch digitaler Musik zu verhindern. Wir sind gerade dabei, Technologien zu testen, die einen solchen Prozess ermöglichen. Sie müssen verschiedene Tests durchlaufen; sie dürfen nicht hörbar sein, müssen robust sein und auf verschiedenen Platforms einschließlich PCs laufen. Auch von Euch sollen sie getestet werden. Also hier die Einladung: greift diese Technologien an. Knackt sie“.
(aus einer offiziellen SDMI-Erklärung)

Der Fall Felten gegen SDMI
Edward Felten, Professor für Informatik an der Universität von Princeton, entschied sich, der Herausforderung nachzukommen. In kurzer Zeit gelang es ihm und seinen Mitarbeitern, vier der sechs „watermark“- Schutzvorrichtungen zu verletzen. So bewies er die Schwäche des SDMI-Systems. Felden hätte nun 10.000 $ für jeden entkräfteten „watermark“ kassieren können. Die Regelung des Wettbewerbs sah jedoch vor, dass alle Informationen bezüglich möglicher Verletzungen der „watermarks“ nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürften.
Felten verzichtete auf seinen Preis: „Ich glaube, dass die Öffentlichkeit, Musiker und Komponisten ein Recht haben zu wissen, ob die Technologie, die sie kaufen müssen, funktioniert oder nicht. Das könnte auch ein äußerst gefährlicher Präzedenzfall sein ...“. Er entschied sich, im folgenden April die Dokumentation öffentlich bei der Hiding Workshop Conference von Pittsburgh zu präsentieren.In einem Brief teilte SDMI Felten mit, dass die Veröffentlichung des Materials eine Verletzung des Digital Millenium Copyright Act (DMCA) bedeuten würde, der die Verbreitung von Informationen verbietet, die, auch indirekt, die Verletzung geistigen Eigentums begünstigen könnten. Pittsburgh wurde gestrichen. Edward Felten und seine Mitarbeiter (unterstützt von der Electronic Frontier Foundation) entschieden sich, den Rechtsweg zu gehen mit der Begründung, ein solcher Gebrauch des DMCA würde die Redefreiheit, die im ersten Amendment der Verfassung gewährleistet ist, einschränken.
Edward Felten verlor den Prozess. Die akademische Welt, solidarisch mit Felten, bezeugte lebhafte Sorgen um die möglichen zukünftigen Konflikte zwischen den Gesetzen zur Verteidigung geistigen Eigentums und der Freiheit der Forschung und wissenschaftlichen Veröffentlichung.


Oktober 2000.
Letzte Runde zwischen Napster und RIAA. Am 3. Oktober wird die Entscheidung im Berufungsverfahren erwartet, aber der Richter möchte noch einmal die Parteien anhören- das Urteil wird nicht gesprochen. Bertelsmann, eine der größten Plattenfirmen, die von der RIAA vertreten werden, zieht sich aus dem Prozess zurück und schließt einen Vertrag mit Napster.
Bertelsmann wird Kapital in Napster investieren und den Zugang zu seinem Musikkatalog freigeben. Der Service wird nicht mehr gratis sein, aber eine reguläre Zahlung der Urheberrechte ermöglichen. Napster wird die Technologie zur Verfügung stellen und ein Zahlungssystem entwickeln, das von der BeCG (Bertelsmann e-Commerce Group: neuer Sektor des elektronischen Geschäfts bei Bertelsmann) finanziert wird.
Die deutsche Gruppe wird die wertvolle Napster Community erben: Millionen von Usern.
Die neuen Partner laden die anderen Musikhäuser dazu ein, an ihrer Initiative teilzunehmen.
Die problematische Napster-Angelegenheit scheint möglicherweise zu einer Lösung gekommmen zu sein. Viele Fragen bleiben jedoch offen, so z.B.: „Wird die Napster Community bereit sein, einen Service zu bezahlen, der bis vor kurzer Zeit noch gratis war? Wird sie intakt bleiben oder sich genauso spontan auflösen, wie sie sich gebildet hat?“. Im Chat der Napster-Swappers sind dies die häufigsten Fragen.

Februar 2001.
Das Gericht modifiziert das Urteil vom Juli 2000, das die Schließung von Napster vorsah: die „filenames“ der Copyright-geschützten und von Usern geteilten Songs sollen gefiltert werden durch Bindung an die Serviceleistung. „Swappers“ können nicht mehr illegale Stücke austauschen, weil die Suchmaschine sie nicht finden kann.
Der Filter ist ab März aktiv, aber nicht ausreichend ausgeklügelt. Die „Swappers“ lösen das Problem mit banalen Methoden der Verunstaltung von filenames; so wird „Britney Spears“ zu „Bitney Sears“ oder „Brritney Sppears“. Aimster stellt einen „Pig Latin Encoder“ zur Verfügung, der das Ganze erleichtert: „Madonna“ wird zu „adonnaM“.
„Napster scheint den porösesten Filter ausgesucht zu haben, der aufzutreiben war ... Er funktioniert nicht, wird nie funktionieren und Napster sollte gezwungen werden, einen wirksamen Filter einzurichten oder die Filtermethode zu ändern“, sagt Hilary Rosen (Präsidentin der RIAA). Napster erwidert, dass RIAA schließlich auch nicht die versprochene Zusammenarbeit geleistet hätte.
In der Zwischenzeit erscheint ein Bericht in Wired, der besagt, dass die Besucherfrequenz bei Napster um 60% zurückgegangen ist.
Am 2. Juli geht Napster endgültig offline, um die Firma für den neuen Bezahlservice zu restrukturieren.
Im September kommen Napster und die „National Music Publishers“ überein, dass Napster 26 Millionen Dollar für die bereits verursachten Copyright-Schäden und 10 Millionen Dollar für die zukünftigen Rechte zahlen wird.
Im Mai 2002 kauft Bertelsmann Napster für 8 Millionen Dollar. Zwei Wochen später meldet Napster Insolvenz an.

„O'Reilly Peer-to-Peer Conferences” finden vom 14. bis 16. Februar in San Francisco statt. Über 90 Redner nehmen an der Debatte teil. Zu den Teilnehmern gehören: Ray Ozzie (Groove), Ian Clark (Freenet), Johnny Deep (AIMster), and Gene Kan (Gnutella) Clay Shirky (Napster) Lawrence Lessig (expert lawer).(2)

Beeinträchtigt Napster den Plattenverkauf?
Die RIAA begründet den Zusammenbruch der Profite von Musikhäusern mit der Praxis des MP3-Sharings.
Die am schlimmsten betroffenen Produkte sind Single-CDs, die im Jahr 2000 nahezu 40% Einbußen im Vergleich zum Vorjahr erlitten. Eine von der RIAA in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 23% der Interviewten keine CDs kaufen, weil sie Peer-to-Peer betreiben. Im Mai 2001 veröffentlicht Jupiter Research eine neue Statistik zum Thema: die unter 3.319 Personen durchgeführte Studie deckt auf, dass 34% der regelmäßigen MP3-Swapper mehr CDs kaufen als je zuvor, und nur 14% haben aufgehört, überhaupt CDs zu erwerben. Jupiter Research zufolge sind die Verkaufszahlen 2000 zusammengebrochen wegen Audiotapes, Single-CDs, Audiotape-Kompilationen, Vinylschallplatten und Musikvideos. Es wurden 3% mehr CDs verkauft; wahrscheinlich entspricht das nicht den Erwartungen der Musikindustrie.Andere begründen den Verkaufskollaps mit den übertriebenen Preisen für CDs.


Mit der Unterstützung von Barry White, George Clinton Liz Phair, De La Soul, Lil' Kim, Ziggy Marley, Chuck Berry and Exene Cervenka verbreitet Apple in den USA Anzeigen mit dem Slogan “Klauen, Mischen, Brennen“.(2)

Der Musiker Manu Chao stellt fest: „Napster ist vielleicht ein Problem für Musiker, die nicht von ihrer Musk leben können. Aber ich verstehe nicht, warum, eine Band oder ein Künstler, wenn sie bereits bekannt sind, so ein Theater deswegen veranstalten. Wir haben schließlich genug Geld zum Leben.“(2)

Das Virus: “Song-Swapping”

Während des Rechtsstreits um Napster entsteht neben den zahlreichen, immer üblicheren und effizienteren Gnutella-Klonen (Limewire, Bearshare, Gnucleus ...) auch Opennap (opennap.sourceforge.net). Opennap ist die Open Source-Version des Napster-Servers, die zwar völlig unabhängig von napster.com entwickelt wurde, aber trotzdem ein identisches „zentralisiertes“ Protokoll benutzt. Jeder kann Opennap installieren und den Service anbieten, den bis kurze Zeit vorher nur napster.com stellen konnte. Opennap ermöglicht das Teilen von MP3 wie auch allen anderen Dokumenttypen. Um mit dem eigenen Napster-Client auf den Server zugreifen zu können, benutzt man den Napigator, eine kleine Software, die man auf der Site napigator.com herunterladen kann - sie bietet eine aktualisierte Liste der Opennap-Server. Der Erfolg des Napster-Napigator stellt sich sofort ein. Später werden neue Clients entwickelt, die Opennap direkt anwenden, ohne die Hilfe von Napigator. WinMX ist der erfolgreichste unter ihnen.
Die RIAA verschickt an die sechzig Rechtsbelehrungen an Internetservice-Firmen, die Opennap-Server nutzen.
„Audiogalaxy“ entsteht, ein zentralisierter Peer-to-Peer-Service für Musikdokumente im MP3-Format. Der Zugang zum Suchdienst erfolgt in einem Interface auf der Site audiogalaxy.com. Installiert man die kleine Software „satellite“, kann man eigene Songs mit anderen Usern teilen. Die enorme Menge an Dokumenten, auf die zurückgegriffen werden kann, sichert den sofortigen Erfolg.

März 2001.
Eine niederländische Gruppe entwickelt ein neues kommerzielles Peer-to-Peer-Protokoll: FastTrack. Seine „dezentralisierte“ Struktur ähnelt der von Gnutella, aber das Leitungssystem der „metadata“ (der Index, mit dessen Hilfe man die gemeinsamen Files finden kann) ist raffinierter.
Drei neue „Zwillingsprogramme“, die auf FastTrack basieren, stehen zur Verfügung: KaZaA, Morpheus und Grokster. Das erste gehört den Besitzern von FastTrack, das zweite der kalifornischen MusicCity, die, bereits bekannt als wichtiger Opennap-Dienstleister, auf FastTrack umsteigt, weil sie von der RIAA angegriffen wird.
Das Protokoll erlebt einen baldigen Erfolg: im Juni hat es bereits 300.000 User. Unter den gemeinsamen Files beginnen außer den zahlreichen MP3 und anderen Dokumentenarten auch zahlreiche Filme im DivX-Format zu erscheinen.
FastTrack ist ein Joint Venture von Sharman Networks, der AltNet (bekannt als Brilliant Digital) und Joltid (bekannt als KaZaA BV). Die Firmensitze der Eignergesellschaften von FastTrack sind in der ganzen Welt verteilt. Das verkompliziert den Ablauf eventueller rechtlicher Schritte.

Ein großes directory von allen.
FastTrack, Audiogalaxy, opennap, Gnutella und die große Vielfalt an Protokollen und Clients, die zur Verfügung stehen, werden häufig von ein und demselben File-Swapper gleichzeitig benutzt, der dazu neigt, die Dokumente auf seinem Computer in einem einzigen directory anzuordnen. Eine von der Technologieart des Peer-to-Peer unabhängige „Austauschzone“. Eine enorme Datenbank mit digitalisierten und jedermann zugänglichen Inhalten. Man könnte sagen: „Eine neue, spontane soziale Praxis, eine neue Kultur“. Aber auch: „Eine illegale Praxis, ein zu bekämpfendes Laster.“ Verschiedene Betrachtungsweisen eines mittlerweile sichtbar verwurzelten Phänomens.


Oktober 2001.
Bei der Versammlung des Supreme Council der USA zur Approbation des „Terrorist Act“ schlägt die RIAA vor, in den „Terrorist Act“ einen Zusatz zur elektronischen Piraterie einzufügen. Dazu kommt es nicht. Der Council beschränkt sich darauf, die Kontrolle über Telefonleitungen und die Überwachung des Netzes zu erleichtern.

Die RIAA und Motion Picture Association of America (MPAA) erheben Anklage gegen KaZaA, Morpheus und Grokster, die P2P-Softwares, die das Protokoll FastTrack benutzen. KaZaA stammt aus den Niederlanden und gehört zu FastTrack, Grokster kommt aus der Karibik, Morpheus ist die einzige Software aus den USA, sie gehört zu MusicCity.

November 2001.
Als Antwort auf die Sammelklage von Buma/Stemra, einer niederländischen Organisation zur Verteidigung der Urheberrechte, und Dutch wing of the International Federation of the Phonographic Industry kündigt das Gericht von Amsterdam im November 2001 die Schließung von KaZaA an. Strafe bei Missachtung: 40.000 Dollar täglich. KaZaA hat zwei Wochen Zeit, dem Folge zu leisten.
Im Dezember verweigert sich KaZaA dem Urteil.

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