adonnaM.mp3
Über die Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung
Eine MP3-Chronologie
Von den Anfängen bis Dezember 1998
Januar 1999 bis September 2000
September 2000 bis Ende 2001
Januar 2002 bis heute
Fotos der Ausstellung
Die Designarbeiten
I love you
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO

Luca Lampo & Marina Serina [epidemiC]

Eine MP3-Chronologie: Teil 2, Januar 1999 bis September 2000

Januar 1999.
Anfang 1999 ist die Zahl der Internet-Nutzer weltweit auf 150 Millionen gestiegen. Über 50% von ihnen kommen aus den Vereinigten Staaten.

Nach einer Studie des Musik-Webzines „Webnoize“ erhöht sich der Bekanntheitsgrad des Begriffs „MP3“von 8% auf 60%. In der Liste der meistgesuchten Begriffe in Suchmaschinen schiebt sich „MP3“ vor den Begriff „Sex“. (1)

Mai 1999.
Die RIAA übt bei einem Meeting in London strategischen Druck gegenüber Hard- und Softwareproduzenten aus; Ziel ist die Übernahme der SDMI-Spezifizierungen für die Entwicklung und das Geschäft der Online-Musik. SDMI-Hintermänner wollen, dass Hersteller den Auslöser für eine Zeitbombe in ihre Produkte einbauen, der bei späterer Aktivierung User daran hindern könnte, nicht SDMI-konforme Musik abzuspielen oder herunter zu laden. Die eingeladenen Company Houses beschränken sich jedoch auf das Angebot einer teilweisen, nicht direkten Kollaboration: neue MP3-Player werden Weihnachten auf dem Markt erwartet, eine Blockade der Produktion, um auf einen „time-bomb trigger“ zu warten, würde einen gesamten wirtschaftlichen Produktionszweig in die Knie zwingen.

Juli 1999.
MP3.com wird auf dem Aktienmarkt gelistet. Der Kurs öffnet mit 28 Dollar und schließt mit 72 Dollar. (1)

Chuck D. veröffentlicht seine erste Single im MP3-Format, „Swindlers Lust“, und bald darauf ein ganzes Album „There’s a poison going on“, das in der ersten Woche seines Erscheinens kostenlos vom Netz gezogen werden kann. (1)

September 1999.
Die „SOUNDBYTING-Kampagne“ von RIAA, die einen Kit für Universitäts-Administratoren und eine Website beinhaltet, liefert die wichtigsten Materialien für eine Diskussion über Musik im Internet. Sinn der Aktion ist, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass illegale Vervielfältigung und Verbreitung einem Diebstahl gleichkommen und ernsthafte ethische und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die RIAA möchte in ihren Materialien und auf der SOUNDBYTING-Website klar umreißen, was erlaubt ist, und informatives Material zum Copyright-Gesetz liefern.
„...Universitäten und Studenten lehren, Rechte von Musikern im Internet zu respektieren. Das Herunterladen der Musik von jemandem, dessen Erlaubnis man nicht hat, ist nicht nur gegen das Gesetz. Es ist ein Raub, ganz einfach.“ (von soundbyting.com).


MP3 und Peer-to-Peer: „Gratis-Musik!“

Peer-to-Peer (P2P)
Peer-to-Peer ist ein Netzmodell, bei dem jeder verbundene Computer einen dezentralisierten und paritätischen Dienst anbieten und verlangen kann. Bei P2P-Netzen mit „file-sharing“- oder „file-swapping“-Funktionen fordern oder senden die Computer Dateien und stellen Recherchedienste zu den gemeinsamen Dateien zur Verfügung.


November 1999.
„Es gibt da ein cooles neues Tool, Napster, mit dem jeder eine öffentlich zugängliche FTP-Site einrichten kann - die vielen privaten MP3- Sammlungen, die jeder hat, die man aber bisher nicht teilen konnte, werden zugänglich gemacht ... RIAA sollte sich große Sorgen machen, weil User nicht immer eingeloggt sind, so dass man sie kaum rechtlich verfolgen können wird.“ (aus Slashdot Daily Report 11/17/1999).

Napster
Napster ist ein Peer-to-Peer-Protokoll, mit dem User, die das Client-Programm Napster nutzen, MP3-Dateien gemeinsam nutzen können. Das Programm kann man gratis von der Site napster.com herunterladen. Die Recherche nach Musiktiteln wird in den gemeinsamen Listen der User von einem zentralen Server aus gesteuert, der die Musikdokumente an den Index bindet und ihre Übertragung leitet. Der zentrale Napster-Server enthält nur die Liste der Songs, die von den Usern zur Verfügung gestellt wurde, die realen MP3-Dateien befinden sich ausschließlich in den Computern der einzelnen User und werden nie auf den Napster-Server verschoben. Die Firma hat angegeben, ihre Software diene dazu, MP3-Dateien im Netz leichter ausfindig zu machen.


Dezember 1999.
In einem Prozess des U.S.District Court in Nordkalifornien beschuldigt die Recording Industry Association of America den Start-Up Napster, Bundes- und Staatsgesetze mit „beisteuernder und stellvertretender Verletzung des Copyright“ gebrochen zu haben, da Napster ein Forum geschaffen habe, auf dem User online direkt von ihren PCs aus mit unautorisierten Musikdateien handeln können. Die Richterin Marylin Patel wird diesen Fall in den nächsten Wochen voraussichtlich wieder aufnehmen.
Auf Bitte der RIAA wird in nahezu zweihundert amerikanischen Universitäten der Gebrauch von Napster verboten.

Januar 2000.
MP3.com kündigt den „Instant Listening Service“ an. Mit dem neuen Service kann man im Netz Musik anhören, die zuvor in einer Database von über 45.000 MP3-Dokumenten ausgewählt wurde. Der Zugang ist möglich über eine Registrierung und durch die Eingabe des Kaufbestätigungscodes. Der Kauf muss in einem Partnermusikgeschäft von mp3.com erfolgt sein. Ansonsten muss die Original-CD in den Player geschoben werden. Man kann auch einen personalisierten Account einrichten: „My MP3.com“ und dort eine eigene „playlist“ basteln, die man aus der gesamten Database zusammengestellt hat. Eine Woche, nachdem dieser Service eröffnet wurde, bringt die RIAA MP3.com vor Gericht. Die Anklage: Instant Listening Service würde zur Verletzung der vom DMCA definierten Copyright-Gesetze verleiten, da nichts den User daran hindern könne, sich den Zugang mit einer geliehenen CD zu verschaffen.

MP3.com verteidigt sich: die Songs, die zur Verfügung stehen, können nicht auf die Festplatte des Users kopiert werden, die Software bietet nur eine hörbare Version im MP3-Format an. Die Grundidee, erklärt die kalifornische Gesellschaft, ist, den entstehenden Online-Musikmarkt zu fördern, neue Dienstleistungen zu entdecken, neue Marketingstrategien, und neue Gelegenheiten für Musiker zu schaffen, für sich zu werben.
Im Februar reicht MP3.com eine Gegenklage ein, in der sie behauptet, dass die RIAA mit der Forderung nach der Schließung des Services und der Database versuche, sich einen Vorteil auf dem Markt der Online-Musik zu verschaffen. Das Urteil ergeht im Mai: MP3.com wird der Verletzung des Copyright vom Bundesrichter in New York, Jed Rakoff, für schuldig befunden. Das Unternehmen entschließt sich, die für illegal befundenen Dienste einzustellen und geht auf ein wirtschaftlich günstiges Abkommen mit dem Musikhaus EMI ein.
Am 18. August beginnt der Prozess am Bezirksgericht in New York. MP3.com wird dazu verurteilt, 250 Millionen Dollar an die Universal Music Group zu zahlen - ca. 25.000 Dollar pro benutzter CD.

März 2000.
Gnullsoft ist die Sektion zur Open Source-Softwareentwicklung bei Nullsoft, der Produktionsfirma des beliebten Winamp (Software für MP3), die vor kurzem von America OnLine (AOL) aufgekauft wurde. Gnullsoft entdeckt die erste Version eines neuen, revolutionären Peer-to-Peer-Protokolls: Gnutella.
Die Website, auf der das Download für das Programm zu finden ist, wird bald von dem Unternehmen selbst geschlossen, aber die Veröffentlichung des Source Code erlaubt jedermann die Nutzung des Protokolls Gnutella zur Entwicklung weiterer Programme. Binnen kurzer Zeit sind Dutzende verschiedener Klon-Softwares von Gnutella im Internet verfügbar.

Gnutella
Gnutella ist ein Peer-to-Peer-Protokoll, das sich in einem wesentlichen Punkt von Napster unterscheidet: Die Recherche der gemeinsamen Files der User läuft nicht über einen zentralen Server, sondern nutzt das Peer-to-Peer-Netz selbst auf dezentralisierte Weise. Gnutella wurde entworfen, um sich dem gesamten Netz der Nutzer anzubinden, indem man mit irgendeinem von ihnen einen Link einrichtet. Kurz, der Gnutella-Client verbindet sich mit einem anderen Gnutella-Client, der wiederum dasselbe tut, und ähnlich dem Stille Post-Spiel verfährt man bei der Suche nach Dokumenten. Jeder Gnutella-Client ist wiederum ein Gnutella-Server. Diese Eigenschaft macht das Protokoll technisch und rechtlich unangreifbar. Gnutella gehört keinem Unternehmen, und jedwede Verantwortung kann nur dem Endnutzer angelastet werden: der Person, die den File teilt. Im Vergleich zu der zentralisierten Napster-Suche ist der einzige Nachteil bei Gnutella der hohe Konsum an Netzressourcen bei jedem einzelnen User. Außer MP3-Dateien ermöglicht Gnutella auch das Teilen jedes anderen Dokumententyps.


April 2000.
Die Rockband „Metallica“ verklagt Napster. Sie verlangt 100.000$ Schadenersatz für jeden Song von ihnen, der sich im Napster-Archiv findet. Die Anwälte der Rockgruppe identifizieren die User, die Songs der Band teilen und fordert Napster auf, ihnen den Zugang zum Netz zu verweigern.
Auf der Website „Campchaos“ (www.campchaos.com/cartoons/napsterbad/) erscheint eine Reihe satirischer Cartoons, produziert von Bob Cesca, die Metallica in ihrer Napster-Angelegenheit erbarmungslos darstellen. Die Comicreihe wird im Netz äußerst berühmt. Die öffentliche Meinung ist gespalten: einerseits stellt man sich auf die Seite von Metallica und verteidigt die Urheberrechte. Andererseits wird auch Napster in Schutz genommen.

Es entsteht Zeropaid.com „The File Sharing Portal“. Binnen kurzer Zeit wird es ein wichtiger Bezugs- und Informationspunkt und bietet Diskussionsmöglichkeiten für alle File-sharing-Begeisterte.

Mai 2000.
Bei der Preliminaranhörung vertritt Richterin Marylin Hall Patel in San Francisco die Auffassung, dass Napster tatsächlich für die Verletzung der Urheberrechtsnormen verantwortlich ist.

Juli 2000.
Das Bundesgericht bestätigt diese Entscheidung. Bis zum 28. Juli muss Napster vom zentralen Index alle vom Copyright geschützten Dokumente entfernen oder sich komplett zurückziehen. Der RIAA-Napster-Prozess stößt in allen internationalen Medien auf großes Interesse und ruft eine unbeabsichtigte Nebenwirkung hervor. Von dem komplizierten Prozessgeschehen begriff die Mehrheit der Interessierten nur Folgendes: „Es gibt etwas, das sich MP3 nennt. Es bedeutet: GRATIS-MUSIK! Sie gibt es im Internet auf einer Site, die sich Napster nennt“.
Zwischen Februar und Juli haben sich die Zugriffe auf Napster von einer Million auf nahezu fünf Millionen erhöht und damit alle Erwartungen übertroffen. Napster ist laut Media Metrix das bekannteste und am liebsten benutzte Internetprogramm. Die User, die sich in den USA von zu Hause aus bei Napster einwählen, machen sechs Prozent der PC-Besitzer mit Internet-Anschluss aus.

Legal oder illegal, das File-sharing wird zu einem kollektiven, sich wie ein Virus verbreitenden Phänomen. Sehr viele Songs und andere Musikformen werden im MP3-Format von den Swappers direkt von Audio-CDs digitalisiert. „Das ist der Nervenkitzel der gemeinsamen Nutzung!“ (Agnese, Candida TV).
Dieses spontane „Data Entry“, das es heute noch gibt, soll auf entscheidende Weise zur Verbreitung und Behauptung des Kompressionsformats MP3 beitragen. Jetzt lässt sich sagen, dass MP3 in jeder Hinsicht ein „Produkt“ geworden ist.

August 2000.
Der Napster-Anwalt David Bowies legt Berufung ein, die auch bewilligt wird. Napster erhält eine Fristverlängerung und kann den Service bis zum endgültigen Urteil, das für den 18. August festgelegt ist, weiter anbieten. Die Berufungsverhandlung soll am 18. September stattfinden.
Bei der Berufungssitzung wendet der Anwalt von Napster die Strategie an, die schon beim „Betamax VCR“ von Sony 1999 den Player Diamond Rio gerettet hatte. Napster erlaubt den Austausch von MP3-Dateien im Internet, aber nur ein Teil dieser Dokumente ist durch das Copyright geschützt. Napster wird also in den meisten Fällen auf legale Weise genutzt. Mit anderen Worten gebrauchen die meisten User Napster nicht dazu, um illegalen Handel mit CDs zu betreiben. Der angebotene Service ermutigt nicht zur Kopie, sondern hilft Usern, das zu finden, was sie suchen und regt zudem zum Kauf von Audio-CDs an.
Richterin Patel hatte in erster Instanz Napster verurteilt, da sie nicht der Ansicht war, dieses Gesetz könne hier angewandt werden, da es sich in diesem Falle nicht um die Produktion von Geräten, sondern von Software handelte.

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