adonnaM.mp3
Über die Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung
Franziska Nori: adonnaM.mp3 Filesharing - die vers
David Weinberger: Die Intimität von Peer-to-Peer
Massimo Ferronato [epidemic]: Goldene Ohren
Florian Cramer: Peer-to-Peer-Dienste: Entgrenzunge
Luca Lampo [epidemic]: Speichern als ...
Alessandro Ludovico: Peer-to-Peer: Das kollektive,
Zirkeltraining: Bootleg Objekt #1 – ReBraun
Gregor/Jesek/Schröder: Coverbox
J. Chris Montgomery: Präludium, Fuge und Allegro:
Ulrich Sieben: Ein vegetarischer Hund
Luigi Mansani: Legale Strategien
Eine MP3-Chronologie
Fotos der Ausstellung
Die Designarbeiten
I love you
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO

Ulrich Sieben

Ein vegetarischer Hund

„MP3“, ursprünglich die File-Extension einer Audio Datei ist inzwischen zu einiger Bekannheit gelangt und erschien während der Hoch-Zeit in den Jahren des Internet-Hypes sogar einmal auf der Titelseite des Time-Magazins. Obwohl in jener Zeit technische und geschäftliche Entwicklungsmöglichkeiten deutlich überzeichnet wurden, erzeugt vermutlich heute der bei vielen bestehende Technik- und New-Economy-Kater umgekehrt eine übertrieben pessimistische Sicht in die Zukunft.

Das Potential an Wissen, Know-how und Kooperationsfähigkeit, das in den modernen Gesellschaften gespeichert ist, löst sich wegen eines Verfalls von Börsenindizes jedoch nicht einfach auf. Ein weltweites Netz von immer besser gebildeten und immer besser kommunizierenden Menschen denkt und arbeitet von der Basis des bisher Erreichten aus permanent weiter. Der Fortschritt der Informationstechnik und inzwischen auch der Biotechnologie verläuft nach wie vor beschleunigt, auch wenn die Märkte einmal eine Pause einlegen. Die fantastischen Produkte von Morgen wird man nicht ignorieren, sondern man wird sie kaufen wollen.

MP3 ist nicht „yet another invention“, sondern es ist ein Komplex von Themen, von denen viele beispielhaft sind für die Art und Weise wie Fortschritt heute verläuft und sich auswirkt. Die Entwicklung stellt sich nicht als eine lineare Kette von Wirkungen dar, sondern als ein vielfach verwobenes Netz gegenseitiger Einflüsse. Das einfache Schema der Versorgung von Konsumenten mit industriellen Produkten - hier MP3-Musik - ist durchbrochen; plötzlich entwickeln die Konsumenten aktiv mit, beim Angebot von Musik, von Computersoftware, bei der Ausgestaltung des Internets als Kommunikationsnetz für ihre Zwecke und sogar bei der Meinungsbildung über die Zukunft von Urheberrechten. Dies alles verursacht entsprechende Rückwirkungen und unbequemen Innovationsdruck auf die Unterhaltungsindustrie. Die neue Freiheit des Publikums erzeugt allerhand Unbehagen, zumal auf Grund der ständigen Weiterentwicklung von Computerleistung und Internet-Geschwindigkeit inzwischen auch Hollywoods Filmindustrie betroffen ist.

Konsument:

Aus Anwendersicht hat die „MP3-Revolution“ vielleicht noch gar nicht wirklich begonnen. Zwar wird aus dem Internet inzwischen massenhaft Musik auf die PCs in aller Welt heruntergeladen, aber eben nur auf PCs. Den durchschnittliche Konsumenten hat MP3 noch gar nicht erreicht, allenfalls bekam er schon einmal PC-gebrannte Musik-CDs geschenkt. Selbst bei Experten sind PC- und Home-Entertainment Infrastruktur gewöhnlich nicht integriert.

Dabei eröffnet die neue Art digitaler Musik neue, wesentlich bessere Möglichkeiten für die Nutzer und der gegenwärtige scheinbar kostenlose Download von Musik aus dem Internet ist nicht einmal das Wichtigste dabei.

Die normale CD ist in ihrer Spieldauer begrenzt und erlaubt im Wesentlichen nur ein sequentielles Abspielen der wenigen immer wieder gleichen Titel. Das freie Zusammenstellen von Programmen ist nicht möglich, man bewegt sich auf den immer wieder gleichen Trampelpfaden und ist in seiner Auswahl deutlich begrenzt.

Das wirkungsvolle Neue an MP3 - und überhaupt an den Multimedia-Technologien - ist, dass die Information (die Musik) losgelöst von einem bestimmten Gerät oder Träger (CD) handhabbar ist. Sie ist auf beliebigen digitalen Speichern konservierbar, kann leicht zu beliebigen Arrangements („Playlists“) ohne Zeitbeschränkung zusammengestellt und über beliebige digitale Kanäle zwischen Geräten oder zwischen Menschen übertragen werden. Sie verhält sich rekombinant (1) mit jeder anderen Information und mit Maschinen, die erst in der Zukunft entwickelt werden, z.B. neuen Speichermedien, Abspielgeräten oder mit neuen Bedieneroberflächen für die Verwaltung von Musikprogrammen. Sie kann besser über die Zeit transportiert werden, man wird nie wieder seine Plattensammlung „verlieren“ müssen, nur weil die Schallplatte von der CD abgelöst wird.

Mit der Speicherung der Musik auf Harddisks, die man inzwischen auch portabel und kleiner als eine Zigarettenschachtel, kaufen kann, ist es möglich Tausende von Stunden Musik aufzuzeichnen. Im freien Zugriff auf solche Archive lässt sich zum ersten Mal Musik von Jedermann individuell zusammenstellen und die emotionale Wirkung steigert sich dadurch erheblich.

Man kann diese Archive, „Pocket-Media-Center“, die bald mehr als Musik enthalten werden, mit sich tragen und an beliebigen Orten, z.B. auf der Party bei Freunden über deren Stereo Anlage abspielen. Es geht nicht nur um Musik. Einige „early adoptors“ laden bereits heute vollautomatisch Stunden von Wortbeiträgen aus dem Radio auf solche portablen Speicher um sie bei Gelegenheit, z.B. auf Reisen, anzuhören. Brach liegende Zeit wird effizient nutzbar, uninteressante Beiträge lassen sich schnell überspringen.

Musik aus dem Netz ist auch eine neue Form der Kommunikation über Musik. Durch die Suchmaschinen erhält man Anregungen, stößt man auf bisher nicht gekannte Künstler, findet seltene, schon fast vergessene Musikstücke wieder. Man kann in den Archiven anderer, die einen ähnlichen Geschmack haben online stöbern und mit ihnen einen Chat über die Musik beginnen. Künstler außerhalb des Mainstreams erhalten bessere Chancen. Tauschen, sammeln, darüber reden sind Grundformen menschlichen Verhaltens. Deshalb geht es bei Musik aus dem Web nicht nur um den kostenlosen Download sondern für manche auch um die soziale Vernetzung mit der „Community“.

In der Anfangszeit der Personalcomputer konnte man „Hackern“ begegnen, die eine Unmenge von Computerprogrammen gesammelt hatten. Aus Sammlungen von Hunderten von Programme wurden nur wenige ernsthaft benutzt. Die Softwarehersteller sahen damals das unerlaubte Kopieren als großes Problem an und statteten ihre Produkte mit Kopierschutz aus. Seit Mitte der 80er Jahre sind indes die meisten der „harten“ Kopierschutzverfahren wieder vom Markt verschwunden und keinen solchen Kopierschutz zu haben erwies sich als vorteilhaft für das Geschäft.

Die Musiksammlung, die heute auf eine Festplatte passt, lässt sich bereits wegen ihrer schieren Menge nicht mehr im Ganzen anhören und auch nicht Stück für Stück darauf laden. Und immer noch verdoppelt sich die Größe der verfügbaren Speicher alle 2 bis 3 Jahre. Es kann und wird gesammelt werden. Mit portablen Speichern können ganze Sammlungen mit einem Mausklick weitergegeben werden. Viele dieser Musikstücke werden vielleicht nie vollständig angehört, nur wenige Hundert bilden das ständige Repertoire des Benutzers.

Bei solch einer Musikinfrastruktur wird die persönliche Datensicherheit plötzlich zu einem ernsten Thema. Bei einem Defekt, z.B. einem Plattencrash gingen den meisten Benutzern die über lange Zeit zusammengetragenen Daten komplett verloren. Das ist eine neue Lage. Auf der gleichen Festplatte befinden sich sicherlich noch andere Daten, die oft nicht wieder zu beschaffen sind: Persönliche Fotos, gescannte Dokumente des eigenen „papierlosen“ Büros, die Steuererklärung des vergangenen Jahres, vielleicht alle Seiten aus dem Web die man einmal bewusst gelesen hat ... Die Fragen nach dem Ordnen, Suchen, Zugreifen, die Trennung des Wichtigen vom Unwichtigen, Qualitätssicherung, Absicherung gegen Datenverlust, Wiederbeschaffung und die Synchronisierung verschiedener eigener Speicher untereinander warten auf Lösungen. Mit wild aus dem Netz zusammenkopierten Dateien wird auf die Dauer nur jene Minderheit zurechtkommen welche auch die nachfolgende archivarische Arbeit auf sich nimmt und das Know-how dazu besitzt. Die Mehrheit braucht geeignete Software-Werkzeuge und Unterstützung von Außen, um die neuen Möglichkeiten nutzen zu können. In diesem Zusammenhang wird die Frage nach der Vergütung von Autorenrechten bei der Mehrheit des Publikums eine Lösung finden.

Halbleiter:

MP3 Technologie im Netz hat sich nicht strategisch geradlinig entwickelt, sondern es entstanden in einer Parallelentwicklung über längere Zeit eine Reihe von technischen und sozialen Dispositionen, die sich 1995 plötzlich zu„MP3“ neu rekomkombinierten, ohne dass dies von der Halbleiter- oder Musikindustrie beabsichtigt gewesen ist.

Die Leistungsfähigkeit der Halbleiter-Intergrated Circuits (ICs), die das Substrat der Information verarbeitenden Produkte bilden, wächst seit 30 Jahren exponentiell um etwa einen Faktor hundert bis tausend pro Jahrzehnt an. Vermutlich wird dieser Prozess auch in den nächsten 10 Jahren nicht zum Stillstand kommen. Das ist ein gewaltiger Forschritt: Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen einem Auto und einem Pferd beträgt ja nicht einmal Faktor zehn, und trotzdem hat er die Welt verändert. Bereits in den 80er Jahren ging das Bonmot: „Hätten sich die Flugzeuge so entwickelt wie die ICs dann würde ein Transatlantikflug nur wenige Sekunden dauern - in einem Flugzeug für 5 Mark.“(2)

Mit dem Potential der IC-Technologie wuchs natürlich die Komplexität der auf einem Chip realisierbaren Produkte und es mussten Vereinfachungen gefunden werden, um diese Komplexität zu handhaben. Die Nutzung dieser Komplexitätsreserve wurde durch den Übergang zur Digitaltechnik möglich. Digitale ICs erlauben nämlich eine sehr clevere Abstraktion, indem das Know-how der Funktion vollständig unabhängig vom Know-how der Produktion des ICs ist. Im Prinzip ist es sogar unerheblich ob man ein digitales Rechenwerk elektronisch oder pneumatisch realisiert. Diese Abstraktion, die offensichtlich bei den frei programmierbaren Prozessoren noch viel besser funktioniert, ermöglichte erst die notwendige Arbeitsteilung für die Entwicklung der meisten hochkomplexen Produkte von heute.

Dieselbe abstrakte Eigenschaft haben digitale Signale. Sie haben keine Rückwirkung auf die Informationen die sie tragen, Bild Ton und Text können beliebig miteinander übertragen werden. Ein analoges Fernsehsignal dagegen ist ein Fernsehsignal ist ein Fernsehsignal ist ein Fernsehsignal.

Wegen dieser neuen Möglichkeiten begann man in den 90er Jahren ernsthaft über digitalen Rundfunk und digitales Fernsehen nachzudenken. Digitale Empfängertechnik war zwar mindestens 10 Mal teuerer als analoge, aber bei der schnellen Entwicklung der Halbleiter war das nur eine Frage der Zeit.

Die auf der Hand liegenden Vorzüge digitalen Rundfunks waren dagegen unwiderstehlich: Mit Datenreduktionsmethoden sowie Kabel und Satelliten konnte man die Zahl der TV-Kanäle verhundertfachen, digital, dachte man, würden zuverlässig verschlüsselte Pay-Programme möglich (sic!), digital könnte man interaktive multimediale Programme über Radio und Fernsehkanäle verteilen.

IC-Hersteller bauen die Komponenten für diese Produkte und mussten diesen Trends folgen. Neue Schlüsselkomponenten zu verpassen ist sehr riskant, da Kostendruck und Qualitätsanforderungen tendenziell zu integrierten Systemlösungen auf einem einzigen Chip führen.

Wir (3) begannen also, zunächst im Rahmen eines groß angelegten europäischen Projektes, eine neue, effiziente Prozessorarchitektur für den geplanten digitalen Rundfunk (DAB) zu entwickeln, von dem jedoch bald klar wurde, dass er nicht so schnell wie geplant kommen würde. Was tun? Am Erlanger Fraunhofer Institut gab es einen Audio-Kompressionsalgorithmus, der es erlaubte Musik mit CD-Qualität über zwei ISDN-Leitungen zu übertragen. Wegen der guten Beziehungen, die Otto Witte, einer unserer Konzept-Ingenieure, mit den Erlangern hatte, und weil wir die Methode für exemplarisch interessant hielten, beschlossen wir den MPEG1/2 Layer 3 Audio Algorithmus, später MP3 genannt, auf unseren Prozessoren zu programmieren, noch ohne spezielle Produkte im Sinn zu haben. Es war damals überhaupt nicht sicher, dass sich MP3 durchsetzen würde, wir konnten aber auf diese Weise Erfahrung im Umgang mit Datenkommpression sammeln. Etwas später suchte eine US-Firma, WorldSpace, zwei Halbleiterfirmen im Zusammenhang mit der Entwicklung eines portablen Empfängers für ein weltweites Satellitenradio. Es lag zum Nachweis des Bedarfes eine umfangreiche und präzise Marktstudie vor und eine sichere Finanzierung für die Produktentwicklung und die notwendigen Satelliten. Wir interessierten uns für das Projekt, weil es uns plausibel erschien und das zu entwickelnde Know-how für andere Systeme weiterverwendbar war. Vermutlich wegen unseres MP3 Vorsprungs erhielten wir den Zuschlag und es entstanden zwei ICs, einer davon ein MP3 Decoder.

Mitte der 90er Jahre versuchte Infineon, der größte deutsche Halbleiterhersteller, eine Alternative zur CD auf Halbleiterbasis zu schaffen und hatte dazu eine hochdichte ROM-Technologie entwickelt. Eine der Ideen war einen „Mikro-Walkman“ zu bauen, viel mehr Platz als die Batterie hätte man ja nicht benötigt. Die ersten Prototypen dieser Player benutzten ICs aus unserem Hause. Auf irgendeine Weise bekam ein koreanischer Hersteller davon Wind und baute mit unseren ICs den ersten kommerziellen MP3 Player mit Flash Memory, der über den PC mit Musik geladen wurde. Die Geräte waren attraktiv. Sie waren viel kleiner als ein Walkman und mechanisch auch viel robuster, allerdings zunächst ziemlich teuer. Speicher für eine Stunde Musik kosteten über 250 Mark, aber Halbleiterpreise fallen ja kontinuierlich, es gab viel Optimismus.

Da solche Geräte keine beweglichen Teile haben, sind sie verglichen mit einem klassischen Walkman sehr leicht zu produzieren. Außerdem sind die ICs so klein, dass MP3-Funktionen - gewissermaßen parasitär - in andere portable Geräte eindringen konnten, z.B. Mobiltelefone und Armbanduhren. In den ersten zwei Jahren blieben wir Marktführer und beobachteten einen schnell wachsenden, unübersichtlicher Markt mit einer Unzahl neu entstehender Produkte dessen Gesamtgröße allerdings wenige Millionen Stück pro Jahr nicht überschritt.

MP3 Player waren zu dieser Zeit (1997) Produkte für Technik-Freaks, aufregend aber teuer und das Handling der mitgelieferten Software und der Musik auf dem PC, enkodieren, dekodieren, auf den Player downloaden etc., war umständlich und ging langsam. Für Jedermann ungeeignet.

Die in diesem Prozess „freigelassene“ Software zum Herstellen von MP3-kodierter Musik dagegen reproduzierte sich dagegen schnell kostenlos, auf den PCs des Internets. Die weltweite Ausbreitung und Replikation der digitalen MP3-Musikdateien war danach nicht mehr zu bremsen. Für alle bisher versuchten legalen und technischen Mittel ihre Verbreitung zu unterbinden, wurden von der weltweiten denkenden und programmierenden Community Möglichkeiten zur Umgehung gefunden. Vielleicht findet sich bei genügend komplexen Zusammenhängen immer ein Ausweg, vielleicht wäre sonst die biologische Evolution vor 500 Millionen Jahren in einer Sackgasse stehen geblieben.

Selbst die von Microsoft ausgespielte Markmacht hat nicht erzwingen können dass ihr konkurrierendes „WMA“ Verfahren statt MP3 der de facto Standard für digital kodierte Musik wurde.

Inzwischen wird die Mehrzahl der MP3-Player nicht mehr mit Halbleiterspeichern gebaut, sondern mit Festplatten aus PCs. Darauf lassen sich nunmehr Hunderte Stunden Musik speichern und die Kosten pro Stunde sind nicht weit von Musikkassetten entfernt. Auf eine portable Festplatte passen heute circa 400 Musikkassetten. Für die Archivierung und Handhabung von Musik-Files sind ergonomische Lösungen entstanden.(4) Der PC oder äquivalente Produkte für den Heimbereich beginnen sich mit der Infrastruktur Zuhause zu vernetzen, die Geschwindigkeit des Internet wächst rapide. Das wirkliche MP3 kommt erst noch.

Digitale Produkte haben immer eine unvermeidbare „Offenheit“ indem sie mit einer Welt des Programmierens in Verbindung stehen: Programmieren ist jedoch wie zaubern. Statt lateinisches zu murmeln wird zwar in „C++“, „Java“ und anderen künstlichen Sprachen befohlen - wie auch immer, bestehen bleibt die direkte Umsetzung von Vorstellung in Geschehen. Dieser „Harry Potter Effekt“, ausgeübt von einer großen, erfinderischen Community, verwandelt die X-Box (5) in einen PC zurück und wird auch weiterhin Wunderbares produzieren Die digitale Welt dehnt ihren Raum der Möglichkeiten nach wie vor inflationär immer weiter aus. Hunderttausende Ingenieure denken darüber nach, wie sich Technik und menschliches Verhalten in der richtigen Weise verbinden lassen. Die kommenden zehn Jahre werden die Welt stärker verändern als die vergangenen 10 Jahre - was übrigens schon seit Beginn des Industriezeitalters so gewesen ist. Auf diesem Weg wird noch so manches Geschäftsmodell aussterben.

Ich glaube nicht, das sich teure Wetten auf falsche Trends vermeiden lassen, indem immer bessere Marktstudien oder eine schnellerer Produktentwicklung hergestellt werden. Es braucht vor allem eine bedachte Einstellung der verfügbaren Optionen, der Kooperationsfähigkeit der Organisation und guten Zugriff auf Know-how und Kapital um erfolgreich zu bleiben. New-Economy Vers.2.0 kann nicht ausgeschlossen werden!

Gesellschaft:

Nur knappe Güter haben monetären Wert. Mit dem Aufkommen der digitalen Medien und des Internets war also die spannende Frage: Lässt sich die Verfügbarkeit digitaler Inhalte künstlich wieder einschränken, obwohl sie an jedem Ort ohne Produktionskosten und Zeitaufwand reproduziert und mit quasi Lichtgeschwindigkeit beliebig verteilt werden können. Zu Beginn, während der Entwicklung des digitalen Fernsehens, war man in dieser Frage sehr optimistisch, unter den heutigen Bedingung verbreitet sich in Teilen der Industrie eher die Befürchtung, dass es keinen nachhaltigen technischen Weg dafür gibt.

Ein Verschlüsselungsverfahren ist technisch sehr schwer abzusichern, wenn es die massenhafte Verbreitung von Inhalten bezweckt, die zudem über Lautsprecher und Bildschirme wiedergegeben müssen. Jede Musik lässt sich zum Beispiel neu digital aufzeichnen, indem man ein „Mikrofon vor den Lautsprecher stellt“ – und mit Filmen wird es ähnlich werden. Für die Ausbreitung über das Internet ist es ausreichend, wenn zunächst nur wenige digitale Kopien in Umlauf geraten. Eine weltweite, technisch versierte, programmierende Community kann so oder auch mit anderen Mitteln Kopierschutzverfahren vermutlich immer unterlaufen. Ob sich allerdings auf diese Weise ergonomisch brauchbare Verfahren ergeben, ist heute nicht abzusehen.

Jede mächtige Technologie ist janusköpfig. Auch ein breitflächiges „Digital Rights Management“ hat eine Kehrseite, die letztlich mit Identifikation des Einzelnen statt Anonymität und einer Einschränkung der individuellen Autonomie zu tun hat und mindestens in der ersten Generation die Akzeptanz bei den Kunden behindert. Außerdem betrifft DRM-Technologie, je nach Realisierung, nicht nur Musik, sondern jegliche digitale Information und eignet sich unter Umständen auch für die Aussperrung von Information zu anderen als wirtschaftlichen Zwecken. In jedem Fall wird es interessant werden zu verfolgen, wie sich mit einer eventuellen Verbreitung von DRM Technologien die Kräftebalance zwischen Konsumenten und Industrie verschiebt.

Wie gut eignen sich legale Mittel, um Copyrightverletzungen zu unterbinden? Es gibt Überlegungen und Versuche, das Aufheben von Kopierschutz mit Strafen zu bewehren, oder sogar die Forschung und Entwicklung an Algorithmen zu verbieten. Es ist möglicherweise schwierig, darüber einen lückenlosen weltweiten Konsens quer über alle Kulturräume (6) herzustellen, besonders wenn man die nichtkommerzielle Kopie zu privaten Zwecken verbieten wollte.(7) Allerdings hat man in vielen Ländern begonnen, die Gesetzeslage zu überarbeiten.(8)

Die Medienindustrie muss sich vermutlich damit abfinden, dass sie trotz vieler Anstrengungen und partieller Erfolge sich zwar Hindernisse gegen das unerlaubte Kopieren von Inhalten durch Jedermann errichten lassen, dass aber immer eine nicht unerhebliche Zahl von nicht autorisierten Kopien kursieren wird, solange dem Konsumenten aus der Verwendung von DRM-Technologien nicht ein überzeugender Vorteil entsteht.

Es ist nicht gesagt, dass die der Unterhaltungsindustrie gerade entstehenden Einkommensminderungen nicht verkraftet werden können oder durch neue Geschäftsmöglichkeiten kompensiert werden. Auch heute schon wird Unterhaltung auf den unterschiedlichsten Vertriebswegen mit sicherem Inkassosystem verkauft, z.B. Fernsehen, Radio, Kino, Merchandising, Lifekonzerte, etc... Gerade bei Unterhaltungsprodukten ist auch nicht immer klar, wer denn der zahlende Kunde überhaupt ist - der Zuschauer oder derjenige, der seine Produkte an den Mann bringen will und dazu auffallen muss. Einen großen Wert hat es deshalb wenn sich der Bekanntheitsgrad eines Künstlers schnell und mit geringen Kosten steigern lässt. Dazu ist kostenlose Internet-Replikation offenbar sehr gut geeignet. Bei nicht optimal eingestellter Replikationsrate wird man leicht verdrängt.

Außerdem ist ohnehin eine große Zahl von Menschen bereit, für Leistung und insbesondere für Ergonomie im Internetzeitalter zu bezahlen. Die Medienversorger werden Methoden entwickeln, diesen Bedarf innovativ und wertschöpfend zu bedienen. Für die Geschwindigkeit dieses Prozesses wäre es womöglich nicht einmal wünschenswert, wenn zu gute defensive Möglichkeiten existierten den Status Quo zu verteidigen.

Eine weiterführende Frage, die sich aus den beschriebenen Entwicklungen ergibt, betrifft den gesellschaftlichen Konsens, wie zukünftig Urheberrechte, Wissen und Innovation, die immer unabhängiger von speziellen Herstellungsprozessen nutzbar werden, bewertet, vergütet und geschützt werden sollen und wie dieser Schutz räumlich und zeitlich zu begrenzen ist. Denn die mit Innovation verbundenen Risiken sind irgendwann abgegolten aber Weiterentwicklung erfordert einen öffentlich zugänglichen Raum von Wissen und den freien Austausch von Ideen. Rechtspositionen, z.B. Patente und Copyrights, so sehr sie legitimen Interessen dienen, sind sie dabei eben auch hinderlich. Das Copyright ist zwar im Verhältnis zwischen Firmen respektiert, aber im Rechtsbewusstsein der Bevölkerung nicht verankert - wohl nicht ohne Grund.

Die Grenzen werden von den Lobbyisten, die zur Zeit auf die Gestaltung der künftigen Rechtslage in manchen Ländern erheblichen Einfluss nehmen, aus der Sicht ihres Partikularinteresses definiert. Sie werden in sehr erheblichem Maß über die Möglichkeiten wirtschaftlichen Handelns und die Verteilung des (globalen) Wohlstandes in den Wissensökonomien von Morgen entscheiden. Auch die Öffentlichkeit sollte diesen Entwicklungen genügend Aufmerksamkeit schenken, damit die allgemeine Entwicklungsfähigkeit nicht eines Tages in den Händen von Wenigen liegt.

Morgen:

Wir haben eine interessante Neigung an das Fortbestehen des Status Quo zu glauben und den jeweiligen Stand der Dinge als Endpunkt einer geschichtlichen Entwicklung zu empfinden. Dabei leben wir in einer in alle Richtungen autokatalytisch wachsenden, innovierenden, immer effizienteren Welt. Nachdem der Globus nicht mit Altruisten überbevölkert ist, kann diese Entwicklung auch nicht angehalten werden.

Über die technische Zukunft kann man nur spekulieren. Vermutlich wird sich MP3 zunächst weiter verbreiten, dann aber durch bessere Methoden abgelöst werden. Es ist nicht einmal sicher, dass der Hauptteil der morgen konsumierten Musik aus der Konserve kommen muss. Man könnte auf schnelleren Rechnern zum Beispiel auch die Partitur eingeben und Orchester und Stimmen synthetisieren. Abgesehen von der viel effizienteren Datenreduktion könnte das viele Vorteile haben, Ein Stück müsste nicht immer gleich klingen oder der Benutzer könnte, in der Interaktion mit der Maschine die Interpretation des Stückes seinem persönlichen Geschmack anpassen. Damit wäre sogar ein gewisser kreativer Akt verbunden. Synthetische Stimmen könnten für den Geschmack des Publikums designt werden. Da man ohne wunderbare Stars Musik nur schwer an den Mann bringt, sollte man, ganz nach Geschmack, wohl noch einen computersimulieren Menschen auftreten lassen. Wie gut so was geht konnte man im Kino bereits ansehen(9), ohne Zweifel lässt sich das in einiger Zeit sogar auf portablen Geräten machen und im Heimkino ohnehin usw. usw ...

Für unsere zukünftige Umgebung aus Hochleistungscomputern, Breitbandnetzen, allgegenwärtigen Bildschirmen, überbordenden Unterhaltungs- und Informationsangeboten und -zwängen wird es für viele Menschen noch einiges zu Lernen geben um in dieser Umgebung glücklich und selbstbestimmt sein zu können. (10)




Fußnoten:
(1) Biologie: Die gezielte Kombination bisher nicht verknüpfter genetischer Informationen.
(2) Und leider würde eines von hundert abstürzen ;-)
(3) Gemeint ist die Firma Intermetall, die später von der Micronas übernommen wurde.
(4) Beispielsweise Apple‘s „iTunes“
(5) Microsoft’s Spielekonsole, konkurrierend mit Sony‘s Playstation.
(6) Siehe Samuel Huntington’s: Der Kampf der Kulturen
(7) Siehe §53, §95a, $108b im Entwurf zur Änderung des deutschen Urheberrechtes , 2002.
(8) Richard Sietmann, c't 24/2002, S. 108: Software-Patente und Urheberrecht.
(9) Z.B.: Der Film Final Fantasy
(10) Siehe: “Declaration of Independence (1776)”, http://www.whitehouse.gov/independenceday/declaration.html


Biografie:
Ulrich Sieben, studierte Physik, Mathematik und Anthropologie in Göttingen. Arbeitete dort wissenschaftlich an der Universität und bei der Max Planck Gesellschaft über Aspekte der Signalverarbeitung des Gehörs. Wechselte Mitte der 80er Jahre zu ITT-Intermetall, einem Hersteller von Halbleiter Chips, bei dem zu dieser Zeit die ersten Realisierungen digitaler Fernsehgeräte entstanden. Er bekleidete in dieser Organisation, die 1997 von der Schweizer Micronas AG übernommen wurde, mehrere Positionen im Entwicklungsbereich unter anderem für fast ein Jahrzehnt als Gesamtentwickungsleiter. Heute ist er als Geschäftsführer für die Micronas Holding GmbH tätig. Micronas hat den weltweit ersten MP3-Decoder-Chip (das „Gehirn“ der MP3-Player) auf den Markt gebracht und steht als aktives Mitglied internationaler Kopierschutz-Gremien in engem Dialog mit allen Gliedern der Musik- und Gerätevermarktungskette.