adonnaM.mp3
Über die Ausstellung
Der Katalog zur Ausstellung
Franziska Nori: adonnaM.mp3 Filesharing - die vers
David Weinberger: Die Intimität von Peer-to-Peer
Massimo Ferronato [epidemic]: Goldene Ohren
Florian Cramer: Peer-to-Peer-Dienste: Entgrenzunge
Luca Lampo [epidemic]: Speichern als ...
Alessandro Ludovico: Peer-to-Peer: Das kollektive,
Zirkeltraining: Bootleg Objekt #1 – ReBraun
Gregor/Jesek/Schröder: Coverbox
J. Chris Montgomery: Präludium, Fuge und Allegro:
Ulrich Sieben: Ein vegetarischer Hund
Luigi Mansani: Legale Strategien
Eine MP3-Chronologie
Fotos der Ausstellung
Die Designarbeiten
I love you
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO

J. Chris Montgomery

Präludium, Fuge und Allegro: Harmonische Transformation oder digitale Dissonanz?

mp3.com und die epischen Veränderungen in der Musikindustrie

Wenn man über die letzten fünf bis zehn Jahre zurückschaut, entdeckt man, dass durchaus bemerkenswerte Themen innerhalb der Musikindustrie erklangen - einige davon entwickelten sich weiter, wenige wurden zum Ende hin aufgelöst - auf dem Weg gab es somit viel Dissonanz. Diesen Überblick über die letzten Jahre „Präludium, Fuge und Allegro“ zu nennen, ist wohl bedacht und beabsichtigt. All diejenigen Leser, die mit diesen Begriffen aus der Musik etwas anfangen können, werden hoffentlich erkennen dass die Parallelen zu aktuellen Konsum- und Wirtschaftszyklen helfen, die Situation in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Die folgenden Seiten wollen einen Vergleich schaffen zwischen klassischer Musikkomposition und der Industrie, die diese in der Welt verbreitet.

Präludium
Definition: Eine Einleitung oder ein Satz vor einer Fuge, ein Opernakt etc. Chopin und andere spätere Komponisten schrieben Präludien als kurze, eigenständige Stücke in einem Satz. Quelle: Chambers Pocket guide to Language of Music ©1991


Ich erinnere, mich in den 80er Jahren in Ontario, Kanada beim Fernsehen gefragt zu haben: „Wenn es Kabelfernsehen gibt, dann wird es doch sicher eines Tages auch Kabelmusik geben?“. Als ausgebildeter Musiker habe ich mir stets die Macht der Musik bewusst gemacht. Sogar in den 70er Jahren, als junger Elton John-Fan, wusste ich um die Bedeutung von kommerzieller Musik. Aber erst als ich bereits einige Zeit in einer Plattenfirma gearbeitet hatte, erkannte ich, dass die Musikindustrie vor einer großen Veränderung stand.

Nach meinem Musikdiplom verbrachte ich einige Zeit bei FMCG „Food and Record Retail Sector“ bevor ich Mitte der Neunziger eine Stelle bei BMG Music (Bertelsmann AG) erhielt. Ich lernte viel über die Arbeit in der Musikindustrie. Nachdem das Versenden von Textnachrichten per E-Mail bereits seit einigen Jahren normal war, wurde die Idee, Musik per E-Mail zu erhalten immer nahe liegender.
Und dann kam ein schicksalsreicher Tag - ich erhielt eine Mail mit einem Dateianhang - eine große Grafikdatei von einem unserer Designer der ein Albumcover entworfen hatte. Die Datei war sehr groß und brauchte sehr lange um zu laden, aber die Auflösung war gut und ich wusste: wenn das mit einem Bild wie diesem geht, dann auch mit einem Lied. Wenig später war es soweit.

Nach dreieinhalb Jahren verließ ich meinen bisherigen Posten, getrieben von dem Streben nach einer Art „harmonischer“ Neuentdeckung. Ich entschied mich, meinen MBA an der University of Edinburgh (UK) zu machen, weit weg vom nordamerikanischen Einfluss der Musikindustrie, um die Möglichkeiten eben dieser Industrie zu erforschen. Das Ergebnis aus dieser Zeit ist meine Dissertation „Elektronische Distributionswege und strategische Veränderungen in der Musikindustrie“. Danach ging ich nach Nordamerika zurück, um bei Diamond Multimedia zu arbeiten, dem Eigentümer der „RIO PMP 300 mp3 player“ (RioPort.com – die Abteilung eines Internet Start-ups von Diamond Multimedia). Im Frühjahr 1999 wechselte ich dann zum nächsten Internet Start-up im Musiktechnologie-Bereich: MP3.com.

Ich war Zeuge der seismischen Veränderung im Musikgeschäft, ich sah es aus der Perspektive eines Musikers, eines Einzelhändlers, eines Vermarkters, eines Technikers, eines Internet-Spezialisten und auch als Teil des Technikteams von Vivendi Universal Europa, wo ich vor meiner Rückkehr zu MP3.com arbeitete, und Mitte 2002 die europäische Dependance zu leiten begann.
Es scheint fast überflüssig, zu erwähnen, dass die Schaffung von neuer Musik, eben der, die in diesem Zeitraum entstand (und die so viele betrifft - seien es die Konsumenten, die Musiker, die Tontechniker oder die Plattenfirmen), einen ganz eigenen Sound - eine eigene Klangfarbe - kreiert hat und kreiert, der sich aufzwingt wie keiner seit Jahrzehnten. Trotz aller Dissonanz und Spannung führt uns dieser kompositorische „Output“, so wollen wir hoffen, zu einem neuen Marketing, einer neuen Musik und einer neuen Musik-Ära. Wie Beethoven die Klassik verließ und gleichzeitig die Romantik einläutete, so werden Technologie, Musik und deren Industrie gleichermaßen in eine neue Ära führen.

Fuge
Definition: Eine kontrapunktierte Komposition für eine oder mehrere Stimmen die ein Thema variieren, das bei Beginn der jeweils eintretenden Stimmen nachgespielt wird und dann von ihnen weiterentwickelt wird. Quelle: Chambers Pocket guide to Language of Music ©1991


In der Mitte der 90er Jahre begannen viele Firmen in den Markt einzusteigen. Die vielleicht größte Ansammlung an Firmen konzentrierte sich auf den Hardware-, Software und Digital Rights Management (DRM - Verwaltung von Digitalrechten) - Bereich. Musiklabel hatten traditionell nur wenig Unternehmenskultur im Technologiebereich, worin kleinere Außenseiterfirmen sofort eine Chance witterten und sie schnell wahrnahmen. Solche Firmen waren zum Beispiel „Liquid Audio“, „Real Networks“ und „Diamond Networks“. Diese Firmen sahen ihre Erfolgschancen, dort, wo der neu entstehende Musikmarkt propagiert wurde. Gegen Ende der Neunziger gab es einige hundert von Unternehmen die allesamt auf das große Geld aus eben dieser neuen Musikwirtschaft hofften.

Bald jedoch sprossen Websites, die ein neues Musikerlebnis erschaffen wollten, schneller aus dem Boden als die Sechzehntel eines Glissando. Wie zu erwarten haben die meisten dieser Websites nie ein effizientes Wirtschaftsmodell vorgestellt und verschwanden daher ebenso schnell wie sie aufgetaucht waren. Viele von ihnen arbeiteten auf der Basis von Werbeeinnahmen mit „outsourced“, d.h. mit ausgelagerter Technologie, während andere wiederum versuchten eine Fusion von werbe-basierter und technischer Plattform zu kreieren, von der aus täglich mehrere Tausend Musikdateien an Konsumenten verschickt werden konnten. MP3.com wollte mit seiner Erfahrung das gesamte Spektrum verwirklichen. In der Folgezeit war MP3.com eine der erfolgreichen Firmen, die, nicht zuletzt durch ihren Ankauf durch die französische Vivendi Universal, es nicht nur schaffte, auf dem Markt zu überleben, sondern das neue Kapitel in der Geschichte der Musikindustrie mit geschrieben hat.

Im folgenden ein kurzer Bericht zu der Entstehungsgeschichte von MP3.com von Greg Flores, einem der Mitbegründer.

„1997 bot sich meiner Frau die Möglichkeit eine Firmenabteilung in Kalifornien zu leiten und mir war klar, dass ich Computer Consulting von überall auf der Welt machen könnte - so zogen wir nach San Diego. Im August las ich eine Anzeige im Tribune mit den „Top 25 Firmen in San Diego“; in ihr wurde ein kleiner Betrieb mit dem Namen „Filez.com“ erwähnt.

Ich suchte die Telefonnummer der Firma, rief an und sprach mit Michael Robertson - wir trafen uns gleich am nächsten Tag zum Mittagessen. Wir sprachen über die Idee von "Filez" und alternative Konzepte zu Technologien, die es dem Kunden erleichtern sollten, im Internet das zu finden was er tatsächlich sucht und erwerben will. Was mir an Michael auffiel waren seine unkonventionellen Ansichten zum Internet und seine Überzeugung, dass traditionelle Geschäftsmethoden im Netz nicht funktionieren. Um ein Beispiel zu nennen: eine Geschäftsidee, die auf einer Internet-Applikation basiert, ließe sich nicht mit den bis dahin üblichen Marketingstrategien realisieren. Er sagte mir dass er es für möglich hielt, zusammen mit mir ein großes Geschäft aufzuziehen und lud mich ein, einzusteigen. Unterm Strich ließ ich mich also nicht auf ein bestimmtes Konzept ein, sondern vielmehr auf Michael selbst.

Meine zwei Hauptaufgaben bei Filez.com waren einerseits die Schaffung und Sicherung von Einnahmen und andererseits das Erhöhen der Besucherzahlen auf der Website. Um mehr Verkehr auf das Portal zu lenken, beobachtete ich aufmerksam die aktuellen Trends der Website-Charts. Anstelle des oberen Bereiches konzentrierte ich mich auf das, was sich von unten nach oben bewegte - Seiten mit mp3-Dateien waren definitiv im Aufwärtstrend. Ich schaute auch nach den „Searchlogs“ für Dateien und stellte fest dass auch da MP3-Dateien ganz oben standen. Ich beschloss, mich ganz auf diesen Trend zu konzentrieren und lud meine erste MP3-Datei herunter. Da meine Internetverbindung über Kabel lief, war die Dateigröße kein Problem - ein Lied zum Download zu finden hingegen war ungleich schwerer.

Ich mailte Michael eine MP3-Datei und auch er war hingerissen von dem Verhältnis von Dateigröße zu Soundqualität. Wir fanden heraus dass die Domain MP3.com zwar bereits registriert war, aber online keinen Inhalt präsentierte. Wir wandten uns per E-Mail an den Eigentümer der Domain und bekundeten unser Interesse, sie aufzukaufen. Er fragte warum; wir antworteten dass wir eine MP3-Seite aufsetzen wollten. Er mailte zurück: "Was ist MP3?", worauf wir ihn fragten warum er die Domain registriert hatte wenn er noch nicht mal wusste was MP3 wirklich sei - angeblich hatte er es "cool" gefunden seinen Kürzel, der ihm von „Network Solutions“ zugeteilt worden war, zu registrieren (sein Name ist Martin Paul). Wir boten ihm 1.000 Dollar für die Domain und kauften sie nach kurzem Hin und Her für 1.500 Dollar. Unterdessen hatte ich im Netz nach dem Betreiber einer MP3-Seite gesucht, der nach Möglichkeit MP3.com für uns gestalten sollte - wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht viel über MP3. Ich verglich viele Seiten, die zwar Informationen über MP3, nicht aber die Möglichkeit zum Download von Raubkopien boten, und letztendlich kauften wir MP3shoppingmall.com. Der Betreiber dieser Seite lebte in Skandinavien; wir bezahlten ihm einige hundert Dollar und ein kleines Monatsgehalt für die Pflege von MP3.com.

Schon ein paar Tage nach dem Besitzerwechsel war ein Datenaufkommen zu verzeichnen, das Michael und mich nahezu schockierte: innerhalb der ersten 24 Stunden konnten wir 10.000 User verzeichnen - das war vor allem deshalb verwunderlich da MP3.com in keiner Suchmaschine zu finden war; die User hatten also die direkte URL in ihren Browser eingegeben. Wir wussten sofort dass wir auf der richtigen Spur waren.“

Dissonanz & Auflösung

Dissonanz
Defnition: Noten, die nicht in Harmonie mit einem Akkord stehen oder nicht in ihm enthalten sind. Solche Noten befinden sich normalerweise außerhalb der von einer Note oder einem klingenden Akkord erzeugten Obertöne. Quelle: © 2000 Creative Music Co., Inc.

Auflösung
Definition: Die Veränderung eines dissonanten Klanges, normalerweise durch eine schrittweise oder chromatische Bewegung, so dass er im Verhältnis zum klingenden Akkord konsonant wird. Quelle: © 2000 Creative Music Co., Inc.


Dissonanz ist Bestandteil jeder interessanten und tiefgehenden Musikerfahrung - jener wunderbare und wichtige Teil des Wechsels von „Spannung und Entspannung“ der den Ausgangsthemen künstlerische Bedeutung gibt. Die Musikindustrie ist durchwoben von Spannung und Entspannung.

Gegen Ende der 90er Jahre begannen alle größeren Plattenfirmen sowie kleinere, unabhängige Labels mit DRM (Digital Rights Managment)-Firmen zu arbeiten. Ihr Instinkt hatte sie nicht getäuscht: es war extrem wichtig geworden, die neue Technologie, die niemals Teil der Kultur der großen Musiklabel war, zu verstehen - auch wenn eine Entspannung nicht in Sicht war. Umso interessanter ist festzustellen, dass die meisten großen Label jene entstehende Spannung noch nicht einmal sahen, genauso wenig wie sie bemerkten, dass ihr Verhalten gleichermaßen zu dem Zyklus von Spannung und Entspannung beitrug.

Viele Musikbosse der späten Neunziger verkannten die Wirkung, die diese neue Erfahrung von Musik auf das Geschäft hatte. Es gibt einige Ereignisse die in den letzten Jahren "Spannung und Entspannung" erzeugt haben, und es zeigt sich dass nach wie vor ein großes Maß an Dissonanz und Komplexität in der Musikindustrie besteht. Im folgenden sollen einige Schlüsselereignisse aufgezeigt werden.

Schon während der späten Neunziger zeigte sich das nur allzu schnelle Wachstum von MP3-Dateien als Netzware innerhalb der technisch begeisterten „community“: Musikinhalte zum Beispiel von CDs waren leicht umzuwandeln und übers Internet zu distribuieren. Eines der nach wie vor bestehenden Probleme dabei war, dass man trotz der geringen Dateigröße (der Dateninhalt einer CD wurde auf ein Elftel seiner Ausgangsgröße komprimiert) eine recht schnelle Verbindung brauchte, um aus dem Angebot tatsächlich schöpfen zu können: aber auch hier ebneten diejenigen, die schon früh mit der Technik vertraut waren, den Weg für solche User, die trotz (und mit) ihren Modem-Anschlüssen neuen und kostenlosen Inhalt herunterladen wollten. Die Frage war also nicht, ob es möglich sei, das Netz als Zugang zu einem reichen Angebot an Musik zu nutzen, sondern wann. Diese neue Dissonanz bewegte sich durch viele verschiedene Harmoniestufen, bis schließlich eine klare Modulation erfolgte - zum Ende des Jahres 1998 brachte Diamond Multimedia den Rio PMP300 auf den Markt, einen tragbaren MP3-Player.

Zum ersten Mal war es möglich, auf dem PC gespeicherte Musik herunter zu kopieren und mit sich mitzunehmen. Das war ein entscheidender Punkt in der Geschichte der Musikindustrie. Wie zu erwarten war, bemühte sich die Musikindustrie alsbald diese Dissonanz (denn als eine solche stellte es sich dar) aufzulösen, um die Musik wieder in einer von ihr selbstgewählte Kadenz spielen zu lassen: wir alle waren Zeuge des historischen Rechtsstreites der RIAA (Recording Industry Association of America - der Zusammenschluss der größten Plattenlabels) gegen Diamond Multimedia. Diamond Multimedia gewann und damit begann ein lang anhaltender und sich ständig erneuernder Austausch zwischen der Musikindustrie und den Neueinsteigern, die dazu bestimmt waren, diese Industrie für immer zu verändern.

Das zweite große Ereignis, das bei unserer musikalischen Entdeckungsreise nennenswert ist, war das Anwachsen von MP3.com, dem Bestimmungsort für Musik im Netz. MP3.com entwickelte sich von einer Tauschbörse zu einer Tour de Force des WWW. Dieses Label, diese Marke hat seitdem globalen Status erhalten und ist gleichbedeutend mit Musik im Internet. Seit dem historischen Initial Public Offering (IPO - Erstes öffentliches Angebot) wurde es das Zuhause von Tausenden von Künstlern, solchen die unter Vertrag standen und solchen, die nicht unter Vertrag standen. Ihre Zahl stieg an von weniger als 20.000 im Jahre1999 bis auf 250.000 im Dezember 2002. Die Masse an musikalischem Inhalt wird mittlerweile auf 1,2 Millionen Tracks beziffert. Die Seite hat eine weltweite Fangemeinschaft von weit über 10 Millionen Menschen - Tendenz steigend. Aber diesen Zustand der Harmonie zu erreichen ging nicht ohne Dissonanzen, und hier kommt Ereignis Nummer drei ins Spiel.

Im Januar 2000 lancierte MP3.com ein virtuelles Schließfach unter MY.MP3.com, das kontrovers diskutiert wurde. My.MP3.com war ein Musikschließfach, in das man sich einschreiben konnte, um dadurch Zugang zu den Daten von Audio-CD´s zu erhalten die man im Voraus erworben hatte. Der Prozess von der Seite des Konsumenten war recht einfach: man nahm eine CD, legte sie in das CD-Rom Laufwerk und öffnete einen kleine Anwendung. Innerhalb von Sekunden wurde die CD erkannt, dem persönlichen Konsumentenprofil angepasst und über die Webseite war freier Zugang möglich zu dem Inhalt der CD. Der Hauptvorteil für den Konsumenten bestand darin dass man, ungeachtet der Schnelligkeit der Verbindung, keine Stunden brauchen würde um seine CD´s zu uploaden. Dieser Service war zudem sehr sicher, d.h. die User konnten untereinander keine musikalischen Inhalte austauschen. Aber es kam der Bruch in die Dissonanz: Um einem User-Zugang zu Tausenden von CD´s zu ermöglichen, musste eine Datenbank angelegt werden. Mit der Erstellung dieser Datenbank kam der zweite bedeutende Rechststreit der RIAA und seinen Mitgliedern gegen MP3.com.

Das Ergebnis der Verhandlungen war ein Urteil zu Ungunsten MP3.coms: durch das Erstellen der für die virtuellen Schließfächer nötigen Datenbank seien die Urheberrechte vehement verletzt worden. MP3.com verhandelte daraufhin erfolgreich und einigte sich mit allen großen Firmen, außer Universal Music. Doch nach einer Einigung in Millionenhöhe mit der Tochterfirma Universal Music kaufte Vivendi Universal SA MP3.com für beinahe 400 Millionen Dollar. MP3.com ist mittlerweile eine der Schlüsselfirmen innerhalb des Vivendi Universal Holdings.

Mit dem Kauf (und somit der Kontrolle) von MP3.com schien ein gewisser Grad der Entspannung, der Auflösung erreicht worden zu sein. Nun jedoch wird mit den Peer-To-Peer Netzwerken (P2P) und dem Hauptinstrument, Napster, ein neues musikalisches Thema eingeführt.

Während alle Augen und Ohren auf MP3.com und seiner juristischen Dissonanz ruhten, erklang das Thema der P2P-Tauschbörsen rascher und lauter an als man sich hatte vorstellen können. Innerhalb von Monaten kannte jeder den Namen Napster und viele Millionen waren vertraut mit dem Prinzip der Tauschbörsen. Bis zum September 2000 war Napster überall Gesprächsthema geworden, sowohl im Büro als auch beim Abendessen. Dann zog die RIAA erneut vors Gericht und Napster wurde lahmgelegt - aber nicht sofort, sondern erst nachdem Bertelsmann sich den Napsternachlass angeeignet hatte: Bis dahin vergingen Monate, Monate in denen die Konsumenten diese neue Methode des Erwerbens von Musik zu lieben lernten. Für die meisten lag der Hauptvorteil darin, dass es kostenlos war. Überflüssig zu erwähnen dass andere P2P-Anwendungen den Markt eroberten, allen voran Gnutella, Morpheus und Kazaa. Die letzten beiden sind immer noch online, wenn auch mit einem hohen Maß an rechtlichen Ungereimtheiten.

Und wieder einmal wandten sich alle Blicke von MP3.com zu Napster, und im Vergleich war MP3.com nicht die dissonante Note. Aber Jahre zuvor bereits hatte es einen Unterton gegeben, und wenn auch in pianissimo gespielt, so sollte er langfristig die Themen stören, die zumindest zeitweise in einer Entspannung begriffen waren. Diese Note kam von den Machern der Compact Disc, der CD, von Philips. Sie wussten, was sie taten als sie, zusammen mit Sony, die CD kreierten - sie wussten aber auch um das Potential der CD als sie in den späten Neunzigern (Seagram kaufte gerade PolyGram auf) die Musikindustrie aufwühlten: Wenn man eine CD machen kann, kann man sie auch kopieren - in diesem Fall brennen.

Für viele war das Brennen von CDs ein Mittel gewesen, Dateien oder digitale Bilder zu sichern. Aber im Zusammenhang mit dem kostenlosen Herunterladen von digitalem Audioinhalt aus dem Internet ist es schließlich kein Wunder dass sich das Brennen von CDs von „pianissimo“ zu „fortissimo“ entwickelte, das wir heute noch hören. Ein großer Teil der Musikindustrie sieht einen starken Zusammenhang im weltweiten Heruntergehen der Verkaufszahlen von CDs und der Piraterie durch das Herunterladen und Brennen von CDs.

Um diese Dissonanz zu glätten und die Situation so schnell wie möglich wieder zu entspannen gab es weitere Versuche seitens der Plattenfirmen. Kopiergeschützte CDs kamen auf den Markt, mit dem Ergebnis dass sie sich aufgrund von technischen Fehlfunktionen als unpopulär herausstellten. Die Industrie versucht weiterhin, das Problem zu lösen.

Eine essentielle Frage ist die des Eigentums: kauft ein Konsument eine CD so kauft er im Prinzip die unbeschränkten Rechte über diese CD. Davon ausgehend sollte es rechtlich möglich sein, sich eine für den eigenen Nutzen bestimmte Sicherheitskopie anzufertigen, sie auf der Festplatte zu speichern oder in ein mobiles Abspielgerät zu laden.

Werden Einschränkungen wie Kopierschutz Kaufabsichten von Konsumenten verändern? Wird das die Dissonanz aufheben?

Dissonanz kommt nicht nur von außerhalb der Musikindustrie, sondern durchaus auch von innerhalb. Eine Unstimmigkeit besteht seitens der Verteilung und des Sammelns von Musik. Die Musikverlage, von denen viele der selben Firma angehören wie ihre eigenen Plattenfirmen, sind noch auf dem Weg zu einer harmonischen Auflösung bezüglich der Rechte und der Nutzung von musikalischen Inhalt im Netz und in anderen Distributionsformen. Die Sammelorganisationen oder PRO´s (Performing Rights Organizations) müssen den Akkord der Industrie erst noch finden - alles in allem müssen all diese Mitspieler lernen, vom gleichen Blatt zu spielen, da Ihnen unterschiedliche Mandate seitens ihrer Organisation auferlegt worden sind. Ohne eine Entpannung im Großen oder auch nur im Kleinen wird die Dissonanz sicherlich bestehen bleiben.

Allegro
Definition: Lebhaft und ziemlich schnell. Quelle: Chambers Pocket guide to Language of Music ©1991


Thema I: Für den Konsumenten

Sobald standardisierte Industrieformate wie z.B. das DRM und „Royalty Rates“ einmal feststehen, werden Plattenfirmen, gemeinsam mit den Distributionsmechanismen, schnell die Werte der Onlineerfahrung festmachen, um dem Kunden eine schnelle Gewöhnung zu ermöglichen. Ich bin ziemlich zuversichtlich dass in den nächsten Jahren eine große Zahl an Produkten auf den Markt kommen wird, die die Bezahlung seitens des Kunden durch einen hohen Qualitätsanspruch rechtfertigt.

Vor dem nächsten Marktzusammenbruch werden noch viele Geschäftsmodelle ausprobiert werden: „pay-per-use“, Abonnoments (monatlich, jährlich etc.), das Mieten von Musik, „pay-to-burn“, „pay-to-download“, „stream only“ (d.h. nur anhören ohne den Inhalt zu speichern) und viele andere. Inhalte könnten auch nach Kategorien vermarktet werden: Premium-/ Neuangebote, ältere Titel, Nischengenres.

Im Hinblick auf traditionelle Werbestrategien mögen es viele Firmen schwer finden langfristig zu existieren ohne ihr Angebot durch Werbe- und Sponsoreinnahmen aufzubessern. Wie bei jedem aufkommenden Markt trifft auch hier Darwins Theorie zu: Hunderte von Firmen stiegen ein, überleben werden jedoch nur die Stärksten.

Thema II: Für den Künstler

Unklar bleibt für viele die Rolle einer herkömmlichen Plattenfirma in der neuen digitalen Musikwirtschaft. Viele Stimmen argumentieren, dass die Schlüsselkompetenzen der Hauptfirmen sehr leicht zu übernehmen sind, da über das Internet eine weite Distribution möglich ist. Wenn andere Kompetenzen wie zum Beispiel das „Scouting“ (Talentsuche), die Finanzierung, das Marketing etc. mit eingeschlossen sind, wird die Barriere für kleinere Firmen automatisch niedriger gesetzt? Wieder andere Stimmen behaupten, dass eine wichtige Rolle der Plattenfirma darin besteht, zwischen Künstler und Publikum zu vermitteln. Die vielleicht wichtigste Frage sollte sein: „Werden Plattenfirmen, wie man sie heutzutage kennt, an dieser Wirtschaftsform weiterhin teilnehmen, wenn Profit und Wirtschaftlichkeit nicht mit den Erwartungen übereinstimmen können und werden?“

Ich behaupte und werde weiterhin behaupten, dass es immer Aufgabe einer Firma sein kann, Inhalte zu verwalten, zu vermarkten und zu verteilen. Wie aber wird eine Plattenfirma in 10 Jahren aussehen - ist der Name dann überhaupt noch angebracht? Werden Plattenfirmen tatsächlich Künstlermanagment betreiben oder werden Marken wie Reebok oder Nike zum Beispiel Hip Hop- und R&B-Künstler übernehmen? Das einzig Sichere ist, dass es, solange es Künstler gibt, auch diejenigen gibt, die versuchen, deren Talent auszubeuten. Wahre Musiker lieben es über ihr Handwerk zu kommunizieren, sie werden aber immer auf Hilfe von außen angewiesen sein, um ihr Publikum zu erreichen.

Coda
Definition: Das beschließende Element am Ende eines Satzes, normalerweise nicht zwangsläufig darin enthalten. Beethovens Codas sind sehr wichtig für die Bedeutung seiner Musik. Quelle: Chambers Pocket guide to Language of Music ©1991


Wird je Harmonie bestehen zwischen der Musikindustrie, den Konsumenten, den neuen Distributionswegen und schließlich dem Unterhaltungswillen von Millionen von Kunden? Wird eine solche Harmonie aufrechterhalten werden können oder wird es eine neue Dissonanz geben durch diejenigen die Alternativen finden, um sich Zugang zu Musik der großen Firmen zu verschaffen? Nach wie vor treten Wechsel von Konsonanz und Dissonanz, Spannung und Auflösung in jeder Kunstrichtung auf.