Internationale Stadt Berlin: FAQ
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FAQ Internationale Stadt Berlin (1996)

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Was ist Internationale Stadt ?

Internationale Stadt versteht sich als ein Medienprojekt, daß seine Usprünge im Internet hat. Darüberhinaus befasst sich die Internationale Stadt mit dem prototyping von innovativen Vernetzungsstrategien, sowohl im technologischen als auch sozialen Sinn unter Einbeziehung aller Medien.

Wie kam es zu IS ?

Die Internationale Stadt Berlin wurde am 1.1.1995 von Netzfreaks und Künstlern gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 6 der 7 Gründungsmitglieder Internet-User, die auf die Bereitstellung von Internet-Diensten eines kommerziellen Internetanbieters in Berlin angewiesen waren. Zum Jahreswechsel entschloss man sich die Providing-Struktur inklusive User von Contributed Software GbR zu übernehmen.

Warum betreibt Ihr sowohl eine Providing- als auch eine Contentstruktur ?

Es zeigte sich sehr früh bei den ersten Netzkunstprojekten 1993 und ‘94, daß ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Inhabern einer Infrastruktur und den (beschränkten) Entfaltungsmöglichkeiten als User besteht. Vor allem war das Bedürfnis groß mit den eigenen Inhalten nicht in einem Umfeld zwischen Werbung und Infotainment zu liegen, sondern den Kontext (z.B. WWW-Server) selbst zu gestalten. In der Praxis zeigte es sich sehr schnell, daß die Infrastrukturbildung zum Inhalt werden wird.

Mit welchen Ideen, Hoffnungen und Wünschen habt ihr die Internationale Stadt gegründet ?

Aktualisiertes Statement zur Gründung der Internationalen Stadt vom Dezember 1994:

Internationale Stadt

“Es kommt bei dieser Architektur nicht auf die Materie an,
sondern auf die Organisationsform.”

Das Projekt Internationale Stadt praesentiert die Stadt als soziales Phaenomen menschlicher Entwicklung im Internet. Die Stadt als Sammelpunkt, Ballungszentrum, Kommunikations- und Informationsmedium mit ihren Dienstleistungsangeboten ist ein gesellschaftliches und universelles Gesamtmedium und verdient daher im Kontext der "Neuen Medien" besondere Aufmerksamkeit.

Grundlegender Ausgangspunkt unseres Projekts ist die Transformation verlorengegangener Funktionalitaeten realer Staedte in elektronische Netzwerke. Die Visualisierung von Stadtarchitektur ist in diesem Zusammenhang von geringem Interesse. Die Stadt im Netz wird die reale Stadt nicht ersetzen, sie jedoch ergaenzen, erweitern und veraendern. Ausgangspunkt dieser Vision ist eine Interessensgemeinschaft aus Kuenstlerinitiativen, Wissenschaftlern und anderen Interessierten. Das verbindende Element dieser heterogenen Gruppe besteht in der Erforschung und Nutzung des weltweiten Computernetzwerks Internet.

Das Internet mit Millionen Nutzern in einer absolut dezentralen Struktur ist ein ueber Jahre gewachsener sozialer Organismus. Die derzeitige Weiterentwicklung dieses Massenmediums erfaehrt durch gigantische Synergieeffekte der in ihm wohnenden Menschen und Institutionen eine rasante Beschleunigung. Wie in jeder technologischen Neuentdeckung wird selbstverstaendlich das technisch Machbare versucht, der Sinn und Zweck solchen Handelns jedoch oft nicht auf seinen Nutzen fuer den Menschen ueberprueft.

Grundlage unserer Initiative im Umfeld einer dezentralen Struktur - sowohl im Netz als auch in der Kollaboration ausserhalb des Netzes - ist das Interesse und die Faehigkeit, technologisch und konzeptionell, in einem soziokulturellen Kontext zu handeln. Die Idee der sozialen Vernetzung durch Technologie ist sicherlich nicht neu, hat aber unter den genannten Voraussetzungen eine vielleicht einmalige Chance, kommunikatives Handeln in elektronischen Netzwerken nicht ausschliesslich monetaeren Zielen zu unterwerfen.

Der Mensch steht als aktiv Beteiligter und nicht als Verbraucher im Zentrum der Internationalen Stadt. Neue zwischenmenschliche Beziehungen werden durch die Internationale Stadt initiiert und wirken auf den Alltag der realen Stadt. Er findet durch das globale Internet eine bereits vorhandene Infrastruktur vor, die Kommunikation und Informationsaustausch auf internationaler Ebene ermoeglicht.

Das System basiert auf der Grundlage des World Wide Web und ist auch fuer ungeuebte Benutzer leicht zu bedienen. Eine Struktur mit digitalen Clubs, Zeitungen, Galerien und vielen anderen Informationsressourcen bildet innerhalb der globalen Welt des Internet eine lokale Ausgangsbasis. Groessere Benutzerkreise werden durch oeffentliche Terminals an unterschiedlichen Orten mit der Internationalen Stadt in Beruehrung kommen und unter minimalen finanziellen und technologischen Voraussetzungen dieses System auch von zuhause nutzen. Erfahrungen mit "Clubnetz"- Terminals in fuenf Berliner Music-Clubs und WWW-Terminals waehrend der Reichtagsverhuellung haben gezeigt, dass oeffentliche Zugaenge zur Internationalen Stadt und zum Internet ein lebendiger Bestandteil des oeffentlichen Raums werden koennen.

Stadtplanung

* erleichterter Zugang zum Internet und damit Beteiligung von Menschen, die aus nicht-technischen Erwaegungen an digitaler Kommunikation teilhaben wollen
* Verwendung von mindestens zwei Sprachen (deutsch, englisch)
* gezielte Einbindung von Initiativen aus dem lokalen Umfeld der NutzerInnen
* Bereitstellung von Senatsdaten oder sonstigen Informationen von staatlicher Seite
* soziale Vernetzung durch verstaerkten Ausbau von Echtzeit- Kommunikation zwischen den EinwohnerInnen der Internationalen Stadt, Berlin, anderen internationalen/digitalen Staedten und dem Internet
* Navigationshilfen zur gezielten Informationssuche * Integration aller Internetdienste in die World Wide Web- Oberflaeche der Internationalen Stadt
* die Bildung von geschlossenen und offenen Gruppen, die sich ihre Arbeitsumgebung selbst einrichten koennen
* oeffentliche Terminals an verschiedenen Orten der Stadt, um vielen Menschen die Teilnahme zu ermoeglichen

Die EinwohnerInnen der Internationalen Stadt gestalten ihre eigene Netzumgebung, die fuer andere einsehbar ist. Es entsteht ein sich selbst organisierendes System, in dem Kommunikationsformen und Inhalte durch bidirektionale Interaktion zwischen den BetreiberInnen und NutzerInnen bestimmt werden. Im Unterschied zu anderen Medien werden neue Informationen durch sozialen Austausch entstehen. Besucher aus dem Internet bekommen durch die Internationale Stadt einen authentischen Einblick in die lokalen Befindlichkeiten.

Die Internationale Stadt stellt unter Beruecksichtigung frueherer sozialutopischer Stadtentwuerfe ein funktionales Modell fuer Stadtstruktur dar. Weitere Internationale Staedte sind bereits online (Internationale Stadt Bremen, http://www.is-bremen.de/IS-Bremen/) oder in Vorbereitung. Dabei streben wir enge Kooperationen mit Freenetbetreibern und anderen Stadtprojekten wie "De Digitale Stad" (Amsterdam) u. a. an.

Wie kommt ihr mit der Stadtmetapher zurecht ?

Die grundsaetzliche Kritik an der Nutzung von Metaphern im Netzkontext teilen wir. Jedoch glauben wir, daß es richtig war, die Stadtmetapher im Rahmen unseres Projekts zu nutzen:
Zunächst ist der Begriff “Stadt” ein strategischer Begriff. Es ging uns von Anfang darum, kenntlich zu machen, daß ein Internetprojekt wie die Internationale Stadt ein politisches Interesse hat und über das Netz hinaus öffentlichkeitswirksam arbeiten will. Sich also nicht in die Netze zurückzuziehen, um im Nirwana des Cyberspace verloren zu gehen, sondern die sensibilisierte Öffentlichkeit für die Verbreitung von netzpolitischen Forderungen zu nutzen. Denn klar ist, daß wesentliche Entscheidungen über die Zukunft der Netze außerhalb der Netze stattfinden werden. Das Thema Stadtentwicklung ist besonders in Berlin seit dem Fall der Mauer eine brisante und politische Frage. In diesem Zusammenhang sahen wir uns bei Interviews mit der Frage von partizipatorischer Stadtplanung im Vergleich “Internationale Stadt” und der Stadt Berlin konfrontiert. Zum anderen denken wir, daß der Reiz des Netzes wesentlich durch seine kommunikativen Möglichkeiten und seine offene Struktur liegt - eben all das, was bei realen Städten durch Zentralisierung und ökonomische Zwänge immer geringere Bedeutung hat. Eine ausführlicherer Text zu diesem Thema ist unter http://www.is.in-berlin.de/blank/texte/metapher.htm zu finden.

Über welche Provider seid ihr connected ?

Von Anfang an war die connectivity-Frage ein großes Problem für uns und ist bis heute nicht befriedigend gelöst. Als wir anfingen, bezogen wir unsere connectivity ausschließlich über den lokalen Eunet Ableger in Berlin. Der berechnete pro internationales abgerufenes und übertragenes Mbyte knapp 4 DM. Das hiess, daß jeder User neben den monatlichen Internetkosten von 50 DM, die wir zur Aufrechterhaltung unserer Infrastruktur nehmen mußten, zusätzlich für den traffic den er verursacht, bezahlen mußte. Das war, gerade bei dem Konzept der Internationalen Stadt, daß jeder Einwohner auf dem Web zum Informationsanbieter werden kann, unhaltbar. Deshalb begannen wir im Frühjahr eine Zusammenarbeit mit dem trafficfreien und bundesweiten Anbieter von Internetdiensten für private Zwecke “Individual Network e.V.”. Barbara Aselmeier, Mitbegründerin der Internationalen Stadt wurde in den Vorstand des Individual Network Berlin e.V. gewählt. Trotz alledem erwies sich die Zusammenarbeit mit Individual Network e.V. als sehr schwierig, da immer wieder darüber diskutiert werden muß, welche Information auf unserem WWW-Server privat ist und welche nicht. Beispielsweise bekamen wir Ärger, als wir im Oktober ‘95 die Berliner Senatswahlen mit aktuellen Zahlen live ins Netz übertrugen. Selbst Netzkunstprojekte sind ebenso umstritten. Dennoch - können die Useranbindung zu einem monatlichen Preis für ISDN und analog für 29,-DM verkaufen. Zum vollen trafficfreien Internetzugang werden die User zu Einwohnern der Internationalen Stadt und können 5 MB Plattenplatz für ihre WWW-Präsenz beanspruchen. Das sind “politische Preise”, die lange nicht die Infrastrukturkosten einspielen. Es reizt uns preiswerter als die komerziellen Onlinedienste wie T-Online u.a. zu sein.
Daneben unterhalten wir einen WWW-Server mit dynamischer 2 MBit-Anbindung bei Eunet zu einem pauschalen, nicht trafficabhängigen Preis, der für die Infos genutzt wird, die nicht auf der Individual Network -Domän liegen dürfen. Leider ist das Interesse bei Individual Network, accessproviding nach dem Vorbild XS4all proffessionell und politisch engagiert zu betreiben, gleich null.