adonnaM.mp3
I love you
Der Katalog
Franziska Nori: I love you
Massimo Ferronato: Die VX-Szene
Sarah Gordon: Die Neuordnung ethischer Lehrpläne
Alessandro Ludovico: Der Virus, seine Faszination
epidemiC: Action Sharing
epidemiC: AntiMafia
epidemiC: Audience versus sharing
0100101110101101.0rg: Vopos
Jaromil: :(){ :I:& };:
Jutta Steidl: Wenn ( ) Dann ( )
Florian Cramer: Die Sprache, ein Virus?
Csilla Burján: Chronologie der Viren
Humboldt-Universität: Glossar der Virenarten
Fotos der Ausstellung
Was ist ein Computervirus?
viren_links
Der Flyer
Das Plakat
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO
Die Sprache, ein Virus?

Von Florian Cramer

Auf die Tatsache, dass bereits 1988, dreizehn Jahre vor dem Computervirus "biennale.py" der italienischen Netzkünstler 0100101110101101.ORG, ein Virus als kunstaktionistischer Streich programmiert und in Umlauf gesetzt wurde, weist der Netzkunst-Kritiker Tilman Baumgärtel in einem Essay über experimentelle Software hin.[1] In Robert M. Slades klassischer "History of Computer Viruses" ist nachzulesen, wie im Februar 1988 eine Datei für das Apple-Programm Hypercard in einem Forum des Onlinediensts Compuserve auftauchte, wie diese, sobald von Nutzern geöffnet, heimlich eine Systemerweiterung installierte, die den Computer dazu brachte, bei jedem Neuanschalten eine parodistische New-Age-Friedensbotschaft anzuzeigen.[2] Die Urheber Artemus Barnoz, bürgerlich Richard Brandow, und Boris Wanowitch waren Herausgeber der kanadischen Computerzeitschrift MacMag und firmierten zugleich als "Computer Graphics Conspiracy" des internationalen subkulturellen Netzwerks des Neoismus[3]. In seinen Äußerungen zum MacMag-Virus legte Brandow Wert darauf, ihn als Neoist zu neoistischen Zwecken verbreitet zu haben.[4] Weil sich der MacMag-Virus per Disketten auf die Entwicklungscomputer der Firma MacroMind (heute Macromedia) und von dort auf die Rechner des (später von Adobe aufgekauften) Software-Herstellers Aldus verbreitet hatte, waren auch die Installationsdisketten der ersten Version des heute noch verbreiteten Grafikprogramms "FreeHand" mit ihm infiziert.[5] Dies machte den Fall spektakulär, kostete Brandow Gefängnishaft und inspirierte noch im selben Jahr die Textzeile "we are the virus in your computer" der neoistischen Elektropop-Hymne "I am Monty Cantsin" auf der LP "Ahora Neoismus".[6]

Nach Slade gehört der MacMag-Virus zu den ersten Computerviren überhaupt, dem nur die für IBM-kompatible PCs 1986 und 1987 geschriebenen, aberwenig verbreiteten Viren "Lehigh", "Jerusalem" und "Brain" sowie noch ältere Proto-Viren vorausgingen. Zweifellos war Brandows und Wanowitchs neoistisches Programm der erste massenhaft verbreitete Computervirus sowie der erste, der nicht nur über Disketten, sondern auch über elektronische Netzwerke verbreitet wurde. Der "Morris-Worm", der 1988 das gesamte damalige Internet zum Erliegen brachte, enstand erst im November des Jahres. Da, wie Tilman Baumgärtel anmerkt, der MacMag-Virus der erste Computervirus war, dessen Botschaft nicht nur in der Selbstreplikation und Manipulation des Wirtssystems als solcher bestand, sondern auch in einem für jedermann lesbaren englischen Text auf dem Computerbildschirm, war er, als Hybrid aus Programmquelltext (mit der binär eincodierten Signatur des Programmierers "DREW") und Textausgabe, sprachlich komplexer als alle seine Vorläufer. Das Programm des Neoismus, selbstgeschaffene Sprachkonstrukte wie den Eigennamen "Monty Cantsin" als "multiple names" und, wie schon um 1985 formuliert, "data cells" zu vervielfachen, kollektiv anzunehmen und zu mythologisierenwurde im MacMag-Virus erstmals computertechnisch umgesetzt und in algorithmischen Programmcode implementiert.

Also ließe sich Geschichte der Computerviren in den Künsten auch umgekehrt erzählen: Nicht nur als poetische und ästhetische Appropriationen von Virencode, wie sie in Netzkunst und -dichtung seit ca. 1997 zu beobachten sind (siehe Jutta Steidls Beitrag "If() Then()" in diesem Katalog), sondern auch als eine sprachspekulative Imprägnierung und Aufladung der Computerviren seit ihrer Erfindung. Eine Spur führt, neben anderen wie (im Falle der Neoisten) jener zu dem kognitiven Nihilisten Henry Flynt, dessen Projekt es seit 1960 ist, die analytische Philosophie mit ihren eigenen Methoden zu widerlegen, dem 1983 bei Semiotext(e) in New York publizierten Deleuze/Guattari- Band "On the Line", in dem es heißt "our virusesmake us form a rhizome with other creatures", sowie dem Biologen Richard Dawkins und seiner 1976 erstmals publizierten umstrittenen Theorie des "Mems" als ansteckender Idee[7], vor allem zum Schriftsteller William S. Burroughs, dessen in radikalen Collageverfahren erstellte, halluzinatorische Agentenroman-Prosa Schreibweisen der (durch seinen Freund Brion Gysin vermittelten französisch-surrealistischen) Avantgarde in Popliteratur übersetzte und dessen Sprachspekulationen nachweislich durchschlagende Wirkung auf subkulturelle Strömungen und Denkweisen der 1980er Jahre hatten.[8]

Für Burroughs können nicht nur Viren sprachlich verfasst sein, oder – wie bei Dawkins – bloß bestimmte Sprechakte ansteckend sein, sondern dieganze Sprache ist ein Virus:

"I have frequently spoken of word and image as viruses or as acting as viruses, and this is not an allegorical comparison."[9]
Zur selbsterfüllenden Prophezeiung wurde der Satz, dass Sprache ein Virus sei, spätestens, als Laurie Anderson 1979 den Song "Language is a Virus (from Outer Space)" für ihre Performance "Untited States Live" schrieb und 1986 von Nile Rodgers in einer hitparadentauglichen Disco-Version für den Konzertfilm "Home of the Brave" produzieren ließ, ein Film, in dem der zweiundsiebzigjährige Burroughs übrigens als Andersons Tango-Tanzpartner auftritt. – Somit formuliert Burroughs die im zwanzigsten Jahrhundert wohl extremste Gegenthese zum Nominalismus der strukturalistischen Linguistik seit Saussure, nach der die Sprache ein rationales Konstrukt ist und die Beziehung von Wortlaut und Begriffsvorstellung allein auf sozialer Konvention beruht. Originär ist Burroughs’ Virus-Theorie trotzdem nicht. Ihre Ursprünge liegen, was Burroughs nicht verhehlt, in Okkultismen und Parawissenschaften wie der satanistischen Theosophie des Aleister Crowley, den "General Semantics" von Alfred Korzybski, die der Menschheit mentale Heilung bringen wollten, in dem ihr ein marionettenartiges "strukturales Differential" Fehlidentifikationen von Gegenständen mit Begriffen aufzeigt,[10] sowie Lafayette Ron Hubbards zugleich von Crowley und Korzybski beeinflussten "Dianetik"- und Scientology-Doktrinen, denen es zentral um die "Klärung bzw. Löschung von Engrammen", dem Unterbewusstsein als Wörter eingeschriebene Traumata, ist; eine Lehre, der nicht nur der Ex-Scientologe Burroughs, sondern zeitweilig auch John Cage und Morton Feldman[11] anhingen und die Burroughs in seiner Sprachvirentheorie explizit erörtert.[12] So, wie Burroughs dadaistische Textmontagen und surrealistische cadavres exquises in pulp fiction überführt, von der man nie recht weiß, ob sie freiwillig oder unfreiwillig parodistisch sind, könnte auch Hubbard via Crowley ein begnadeter Popularisierer klassischer gnostisch-neuplatonischer und kabbalistischer Geheimwissenschaft in eine managersprachlich umformulierte, im Stil von Populärwissenschaften der 1940er Jahre codierte Science-Fiction-Gnosis genannt werden. Dass die Sprache ein Virus sei, liest sich also als modernistische Neuauflage der bis ins 17. Jahrhundert in den Wissenschaften, danach aber nur noch in den Parawissenschaften und in romantischer Dichtung (wie Eichendorffs "Wünschelrute") verbreiteten Auffassung der von Gott gegebenen adamitischen Ursprache, mit der die Menschen im Paradies, wie Genesis 2,19 berichtet, die demiurgische Macht der Benennung der Geschöpfe besaßen, also Wesen und Dinge durch Wörter beeinflussen konnten; jene demiurgische Macht also, die Rabbi Löw durch praktische Kabbala wiedergewonnen hat, wenn er den Golem erschafft und ihm die Zauberschrift an die Stirn heftet und mit der Faust des Pudels Kern extrahiert. Gemeinsam ist adamitischer Sprachtheorie und Burroughs’ Virenmodell das a priori der Einhauchung, sei es durch göttlichen Odem, sei es biologistisch säkularisiert als viraler Infekt; sowie die Tatsache, dass die Sprache eben weil inspiriert, nur geliehen ist, sie also durch den Menschen spricht und nicht er durch sie.

Wenn in Computerviren statt Gott oder einem außerirdischen Virus ein Programmierer einem Code demiurgischen Odem einhaucht, der die Mobilisierung von Dingen durch Sprache einer Maschine überantwortet, so erscheint es wederzufällig, dass bereits die christlich-kabbalistischen Sprachspekulationen des Mittelalters und der Frühneuzeit mit Versuchen ihrer mechanischen Implementierung einhergehen (die kombinatorischen Kreisfiguren des Raimundus Lullus sowie ihre Adaptionen durch Giordano Bruno, Georg Philipp Harsdörffer, Quirinus Kuhlmann und Leibniz), noch dass diese Kabbalistik in den virenprogrammierende neoistischen Subkulturen zu Spielmaterial geworden sind. Davon kündet die, so Brandow, "schmierige" New-Age-Botschaft des MacMag-Virus, welches das Erbe spekulativer Schriftmetaphysik in regressiver Verkleidung antritt. Ihre Implikation ist, dass eine Sprache, die sich zum Instruktionscode maschineller Demiurgen formalisieren lässt, Konstrukt ist und kein extraterrestrisches Virus, Computerviren aber, da sie sprachliche Konstrukte sind, Virulenz von der Schrift sowohl erben als auch in ihr aufzeigen; so dass eine Schrift wie zum Beispiel das unendlich rekursive "Frame Tale" des amerikanischen Schriftstellers John Barth von 1967, ein Möbiusband mit dem aufgedruckte Satz "ONCE UPON A TIME THERE WAS A STORY THAT BEGAN", sowohl zum Prototyp aller Computerviren wird, als auch durch sie als selbsterregbarer Code lesbar wird.


References

Netzpiraten, Armin Medosch und Janko Röttgers, H. Heise Vlg., Hann. 2001

[Bar68] Barth, John: Lost in the Funhouse. New York, London, Toronto, Sydney, Auckland: Doubleday, 1988 (1968) (Anchor Books)

[Bau01] Baumgärtel, Tilman: Experimentelle Software. In: Telepolis. http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/sa/9908/1.html

[Bur82] Burroughs, William S.: Electronic Revolution. Bonn : Expanded Media Edition, 1982

[Fel68] Morton Feldman. Give my regards to eighth street. In The New York School, pages 5-10. HatArt CD 6176, Basel, 1994 (1968).

[Kan88] Monty Cantsin / Istvan Kantor. Ahora neoismus, 6 1988.

[MH84] Maeck, Klaus (Hrsg.); Hartmann, Walter (Hrsg.): Decoder Handbuch. Duisburg: Trikont, 1984

[Per93] Perneczky, Géza: The Magazine Network. Köln: Edition Soft Geometry, 1993


[1][Bau01]
[2] http://www.bocklabs.wisc.edu/~janda/sladehis.html
[3] Materialien zum Neoismus finden sich auf http://www.neoism.net und in [Per93], S.177ff.
[4] Die Pressemeldung, seine Aktion sei "inspired by prankster groups like the Neoists and the SubGenii" kommentierte Brandow am 21. Juni 1997 in der Newsgroup alt.slack mit "Yes and no. I am a Neoist (you can ask Monty Cantsinor tENTATIVELY a cONVENIENCE). So I wouldn’t have said I was inspired by the neoists being one full time 100% as opposed to part-time neoists." – Die Church of SubGenius, eine hysterische Travestie von evangelikalen Erweckungssekten, bildete in den frühen 1980er Jahren noch das klerikale Pendant des Neoismus, bevor sie geschäftstüchtig eine Metamorphose vollzog, Aktivitäten wie ihren Analsex-Blind-Dating-Service einstellte und ihren pfeiferauchenden Guru Bob Dobbs jr. als harmlose Collegehumor-Ikone popularisierte.
[5] Siehe u.a. http://www.geocities.com/ogmg.rm/Historia.html
[6] Die Strophe lautet: "We love to horrify the good little children of bourgeois bureaucracy, / we love to terrify all the lying leaders of stupifying politics, / we love to play with blood & fire, we are the virus in your computer, / we make you swing, we make you smile, join us & never die".
[7] Siehe u.a. http://www.memecentral.com
[8] Burroughs’ Einfluss auf Post-Punk-Subkulturen dokumentiert z. B. das "Decoder Handbuch" von 1984 [MH84] und die von dem Sex Pistols-Graphiker Jamie Reid gestaltete, ca. 1985–1989 erschienene Londoner Zeitschrift VAGUE.
[9] [Bur82], S.59ff. [10] Eine Abbildung findet sich unter http://www.kcmetro.cc.mo.us/pennvalley/biology/lewis/strucdif.jpg. Korzybski wird auch auf der ersten Seite von Burroughs "Electronic Revolution" zitiert, [Bur82], S.5
[11] Feldmann, Anfang der 50er-Jahre: "There was a lot of talk about science fiction, also about Dianetics, a currently popular technique thas was said to bring back memories of the womb. As I recall, John and I, with our crazy ideas about music, fitted in very well." [Fel68], S.7
[12] [Bur82], S.42-45.
[13] [Bar68], S.3