adonnaM.mp3
I love you
Der Katalog
Franziska Nori: I love you
Massimo Ferronato: Die VX-Szene
Sarah Gordon: Die Neuordnung ethischer Lehrpläne
Alessandro Ludovico: Der Virus, seine Faszination
epidemiC: Action Sharing
epidemiC: AntiMafia
epidemiC: Audience versus sharing
0100101110101101.0rg: Vopos
Jaromil: :(){ :I:& };:
Jutta Steidl: Wenn ( ) Dann ( )
Florian Cramer: Die Sprache, ein Virus?
Csilla Burján: Chronologie der Viren
Humboldt-Universität: Glossar der Virenarten
Fotos der Ausstellung
Was ist ein Computervirus?
viren_links
Der Flyer
Das Plakat
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO
Wenn () Dann ()

Von Jutta Steidl

Wenn Computersprache zu Poesie wird, kann Poesie dann programmiert werden? Sie nennen sich code poets, codeworkers, net.artisans, digital artisans oder software artists, und haben eines gemeinsam: Sie arbeiten mit Quellcodes, Netzwerkprotokollen und Programmskripten. Damit schreiben und erzeugen sie digitale Dichtkunst. Denn auch Computersprachen sind Sprachen. Sie besitzen alle elementaren Bestandteile, die für Sprachen charakteristisch sind: eine eigene Syntax, ein definiertes Lexikon, semantische Regeln. Kann diese Sprache also, ursprünglich als Vermittlermedium zwischen Mensch und Maschine konzipiert und letztendlich in auszuführende Befehle umgerechnet, auch von den Abgründen des menschlichen Lebens und den Abstürzen menschlicher Seelen zwischen Null und Eins erzählen?

Surft man durch die kulturellen Nischen des Netzes, findet man, und zwar nur dort, nicht etwa in den klassischen Literaturbetrieben, Bibliotheken, oder an anderen Orten, wo Literatur sonst produziert und rezipiert wird, zahlreiche Beispiele digitaler Poesie, bei denen die ästhetischen Parallelen zu klassischen Literaturformen nicht zu übersehen sind. Vor allem Bezüge zur konkrete Poesie drängen sich auf.

Create.Object

Dass Sprache aus ihrem Zusammenhang gelöst konkret wird, dieses Phänomen ist aus der konkreten Poesie bekannt. Diese Literaturform bezieht sich auf die ihr eigenen Mittel: Worte, Buchstaben, Satzzeichen. So ist konkrete Poesie meistens auf wenige Worte und Sprachzeichen reduziert und reflektiert das Medium Sprache an sich. Die Wurzeln der konkreten Poesie reichen bis in die Antike zurück. Eine spezielle Form dieser Literaturgattung ist das Figurengedicht. Die Anordnung der Worte, Buchstaben oder Zeichen bilden dabei ein Bild, das in direktem Zusammenhang mit dem Inhalt steht.

Ein Vorläufer: das so genannte Carmen Cancellatum der christlichen Spätantike. Als Beispiel lassen sich hier die Gittergedichte des Mönches Hrabanus Maurus aus dem„liber de laudibus sanctae crucis“ nennen. Oder, später, aus dem Zeitalter des Barocks die Figurengedichte der Catharina Regina von Greiffenberg. Schauen wir diese Figurengedichte heute an, müssen sie nach dem hermeneutischen Prinzip Schritt für Schritt erschlossen werden, ebenso wie moderne konkrete Gedichte und digitale Textarbeiten. Offensichtlich, durch die Form des Kreuzes, ist bei Catharina von Greiffenberg der Inhalt: Die Verherrlichung des Kreuzes, die Wiederauferstehung der Toten, die Erlösung der Seelen.

sin () (Der Sündenfall oder Sinus und Cosinus)

Lassen sich die Werke der heutigen digitalen Poeten nun direkt in diesen Zusammenhang setzen? Von Texten, die an freie Prosa erinnern, über digitale Figurengedichte bis hin zu textgenerierenden Haikus – die Bandbreite der digitalen Werke ist groß. Und selbst innerhalb dieser Kategorien lassen sich anhand der ihnen eigenen stilistischen Besonderheiten durchaus Unterschiede in der „Handschrift“ von Programmierern entdecken. Auf Hackerfeten in Turnhallen oder in kleineren literarisch ambitionierten Kreisen im Netz finden regelmäßig eine Reihe von Wettbewerben statt, bei denen es immer darum geht, den „schönsten“, den „elegantesten“ Code zu schreiben. Als Kriterien dafür werden gelungene Komposition, stringente Komplexität, Eleganz und Stilsicherheit und nicht zuletzt die handwerkliche Perfektion herangezogen.

Einer dieser Wettbewerbe ist „The international obfuscated C Code Contest“. Schauen wir uns einen der prämierten Codes www.ioccc.org/banks.c einmal genauer an. Die Umrisse sind die eines Flugzeuges. Es wurde in der Computersprache ANSI C geschrieben. Das Programm ist ein Flugsimulator. Inhalt und Form sind eine Einheit. Können wir also schon von Literatur sprechen. Oder handelt es sich um eine technische Spielerei? Installiert und ausgeführt handelt es sich bei diesem Programm um einen dreidimensionalen Flugsimulator.

Wenn() Dann()

Programmierkunst und digitale Poesie sind kein neues Phänomen. Mit Sprachkunstwerken im Internet beschäftigt sich der Performancekünstler, Kunstkritiker und –theoretiker Alan Sondheim seit den 70er Jahren. Inspiriert von Computerviren sind viele seiner Gedichte und Werke ohne Computerkenntnisse nicht zu dechiffrieren. Der Programmcode ist das Gedicht. Und gleichzeitig ist das Gedicht der Programmcode. Dies ist ein charakteristisches Merkmal vieler von Sondheims so genannten „Codeworks“. Die Texte lassen sich einmal als poetische Texte lesen und dienen zur Inspiration oder Kontemplation. Oder aber, von einer Maschine interpretiert dient das Gedicht als Generator für einen weiteren Text. Und erfüllt somit in Interaktion mit dem Computer seinen programmierten Auftrag.

Eine eigenständige Richtung innerhalb der digitalen Poesie prägte Sharon Hopkins. Als Pionierin der Perl Poetry gab sie der Perl Poetry in der Anfangsphase zu Beginn der 90er Jahre entscheidende Impulse. In der Computersprache PERL (Practical Extraction and Report Language) können traditionelle Gedichte in Computersprache übersetzt werden. Die Texte weisen ihnen immanente poetische Strukturen auf und sind auch hier wieder zum Teil so programmiert, dass von ihnen zum Beispiel Haikus oder Limericks generiert werden. Das erste Perl Gedicht überhaupt wurde von Larry Wall 1990 verfasst und ist als Haiku geschrieben.

Das Haiku ist die kürzeste Gedichtform der Weltliteratur. Die drei Zeilen setzen sich jeweils aus fünf, sieben und fünf Silben zusammen. Das Haiku beschreibt einen kurzen Augenblick, es hält ein Ereignis fest, es malt mit Worten ein Bild. Haikus beziehen sich immer direkt oder indirekt auf eine Jahreszeit. Das notwendige Jahreszeitenwort (japanisch: „kigo“) findet sich in Walls Perl-Haiku in der dritten Zeile: „spring“ (Frühling). Das Perlgedicht erfüllt formal alle Kriterien des klassischen Haikus, wenn es laut vorgelesen wird. Dann wird aus dem Buchstaben „q“ das Wort „queue“ und aus dem $-Zeichen das zweisilbige Wort „Dollar“ (und diese Zeile wird dadurch fünfsilbig).

In der phonetischen Wiedergabe von digitalen Gedichten steckt eine besondere Herausforderung und sie darf keinesfalls unterschätzt oder unterschlagen werden, da sie entweder für das Verständnis der Werke notwendig ist oder ihnen eine völlig neue Dimension hinzufügt. Wie zum Beispiel die Rezitation des I love you Quellcodes von der Gruppe epidemiC anlässlich der Biennale 2000 in Venedig. (www.epidemic.ws/love.mp3)

Vertrauter klingen allerdings Gedichte, die im Duktus wie „freie Sprache“ klingen. Viele Werke von Sharon Hopkins müssen neben ihrem poetischen Habitus keine weitere Programmfunktionalität erfüllen. Die Autorin selbst beklagt genau dies jedoch als die größte Schwäche dieser Gedichte: die Programmiersprache an ihren Grenzen. Um den Regeln und Anforderungen der Programmiersprache gerecht zu werden, müssen für diese viele Parenthesen, Aufhebungen und Sonderdefinitionen eingefügt werden. Trotz über 250 Worten, die in PERL definiert sind, bleibt das Vokabular limitiert, um Stimmungen, Gefühle und Seelenlandschaften zu beschreiben. Über was also schreiben? Oder besser gefragt: Wie kann man der Maschine Sex, Liebe und Tod befehlen?

'Love was'
&& 'love will be' if
(I, ever-faithful),
do wait, patiently;
"negative", "wordly", values disappear,
@last, 'love triumphs';
join (hands,checkbooks),
pop champagne-corks,
"live happily-ever-after".
"not so" ?
tell me: "I listen",
(do-not-hear);
push (rush, hurry) && die lonely if not-careful;
"I will wait."
&wait
# Sharon Hopkins, June 26th, 1991
# rush (a perl poem)

SoGetFile

Schon existieren sowohl im Internet als auch in privaten analogen Sammlungen Bibliotheken von prämierten Programmen, Quellcodes von Viren, Dokumentationen von Software-Art. Die Sprachen in denen diese Werke verfasst wurden heißen Assembler, PASCAL, C++, Visual Basic, PERL. Einige Werke postulieren einen literarischen Anspruch, einige Werke sind gelungene selbstausführende Programme. Einen besonderen Bereich besetzen die Virenautoren. Zwischen Handwerk und Programmierkunst sind nicht alle Viren destruktiv. Vielleicht sogar nur ein geringer Teil von ihnen. Zur Szene der Virenprogrammierer gehören so genannte Cracker, Hacker, Black Hats, White Hats, Script Kiddies, je nachdem welcher Gruppierung von Programmierern sie sich zuordnen. Da gibt es, wie im wirklichen (analogen) Leben, die vermeintlich Guten und die Bösen, jede Menge undurchsichtige Grauzonen und kreative Nischen.

Sicherlich versteht sich Onel de Guzman („Spyder“), der Verfaser des I love you-Virus nicht als Poet, eher als kreativer Virenautor, und dennoch: beinahe anrührend und dramatisch „liest“ sich der Quellcode des Virus, der bis jetzt den größten finanziellen Schaden weltweit angerichtet hat.

rem barok - loveletter (vbe) <I hate to go to school>
rem by: spyder / ispyder@mail.com / GRAMMERSoft Group/
Manila, Philippines
On Error resume next
Dim fso, dirsystem,dirwin,dirtemp,eq,ctr,file,vbscopy,dow
Eq=""
Ctr=0
Set fso = CreateObject ("Scripting.FileSystemObject")
Set file = fso.OpenTextFile (Wscript.ScriptFullname,1)
Vbscopy = file.ReadAll

… Intro des I-love-you-Quellcodes
Autor: Onel de Guzman (Spyder)

Es bleibt also die Frage zu beantworten: Ist es entscheidend, was die Maschine tut oder wie man das Sprachsystem der Maschine programmiert und interpretiert? Wo hört der Quellcode auf? Und wo fängt die Poesie an? So oder so müssen wir uns dem Inneren des Computers annähern. Die Hermeneutik des Quellcodes existiert. Nur wenn wir den ursprünglichen, den Orginaltext lesen können, dann werden wir, vielleicht bestürzt, über die Seelenlosigkeit unserer Computer, die Schönheit der menschlichen Sprache erkennen und und die Leere der Zwischenräume zwischen Null und Eins erahnen.

rem

Überall flimmert der Code. In Kinderzimmern, in denen abenteuerlustige Hacker sitzen. In virtuellen literarischen Salons, wo sich die selbst ernannte digital bohème trifft. In den Bibliotheken unserer Festplatten. In den Netzwerken der Industrie. Und nicht zuletzt in unseren Köpfen. Nichts ist mehr sicher. Nicht einmal mehr die Literaturwissenschaft.

downread beginners

Lewis Caroll: Alice im Wunderland
Ernst Jandl: Aus dem wirklichen Leben
Denis Moschitto/Evrim Sen: Hackertales

downread professionals

Hans Georg Gadamer: Methode und Wahrheit

go to

Sharon Hopkins, Camels and Needles, Poetry meets the Perl Programming Language
www.af.fh-nuernberg.de/Professors/Kuegel/Blumenorden/Greiff.htm
www.astalavista.com/code/perl/introduction/perl-de.shtml
www.backspace.org/
www.elfrin.com/docs/hakref/virus_michelangelo_src.html
www.ioccc.org
www.nickles.de/c/s/21-0003-54-1.htm
www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/barock/greiffen.htm#1
www.theperlreview.com
www.userpage.tu-berlin.de/~can…/netzkunst_literaturwerkstatt.tx

quit

Biografie

Jutta Steidl, Jahrgang 1967, studierte Germanistik und Linguistik mit den Schwerpunkten Neue Deutsche Literatur und Sprachentstehung in Konstanz. Sie lebt und arbeitet als freiberufliche Texterin in Frankfurt am Main.