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I love you
Der Katalog
Franziska Nori: I love you
Massimo Ferronato: Die VX-Szene
Sarah Gordon: Die Neuordnung ethischer Lehrpläne
Alessandro Ludovico: Der Virus, seine Faszination
epidemiC: Action Sharing
epidemiC: AntiMafia
epidemiC: Audience versus sharing
0100101110101101.0rg: Vopos
Jaromil: :(){ :I:& };:
Jutta Steidl: Wenn ( ) Dann ( )
Florian Cramer: Die Sprache, ein Virus?
Csilla Burján: Chronologie der Viren
Humboldt-Universität: Glossar der Virenarten
Fotos der Ausstellung
Was ist ein Computervirus?
viren_links
Der Flyer
Das Plakat
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO
Audience versus sharing

von epidemiC


“Unsere Industriegesellschaften sind überall vom Prestige besessen ...” J. Baudrillard

“Keine Verhandlungen mit der Mafia.” P.L. Vigna, Leiter der italienischen Antimafia-Behörde


Von biennale.py zu AntiMafia

In dieser Welt, um es mit Baudrillard zu sagen, “ ... führen die Objekte eine fortwährende Komödie auf: das funktionelle Objekt gibt vor, dekorativ zu sein und belädt sich mit Nutzlosigkeiten oder modischen Verkleidungen; das unbedeutende und nutzlose Objekt belädt sich mit praktischer Vernunft.” (J. Baudrillard, “Per una critica della economia politica del segno”, Paris 1972). In einer solchen Welt unterscheidet sich das Objekt Quellcode von den anderen durch sein Wahrheitsprinzip. Er ist das, was er ist. Er gibt nicht vor, etwas anderes zu sein, als das, was er ist. Und in dieser Hinsicht agiert er öffentlich. Form und Funktion fallen zusammen. Bis hin zum Erreichen poetischer Höhen, wie im Fall der Viren, und mit allen Fähigkeiten zur Begründung einer Sprache, die für das Netz entstand und die sich im Netz entwickelt hat.

Nach Auffassung von [epidemiC] wird der Wert eines Objekts nicht durch dessen Tauschwert bestimmt, bei dem das Geld seine Gesetze diktiert (und der Markt und das Publikum), sondern es ist eben dieses Tauschprinzip, jedoch verstanden als ein Teilen, das File Sharing, das Peer-to-Peer, das einen Wert an sich darstellt und den Wert des Objekts ausmacht.

Von daher rührt der von uns zurückgelegte Weg, der uns geradewegs vom Schreiben von biennale.py zur Projektierung der AntiMafia- Software geführt hat, einem wahrhaft strategischen Instrument zur Popularisierung und Verbreitung der Peer-to-Peer-Praxis.

Die vor dem Internet entstandenen Medien haben ihre eigene Herrschaft praktisch auf der Manipulation errichtet, und diese wiederum ihre Herrschaft auf der Reversibilität (Audience). Denn faktisch ist die vermeintliche Möglichkeit der Zwei- Wege-Kommunikation (Sender-Empfänger) etwa über Leserbriefe, Zuschauerreaktionen oder Call Center, etc. nicht gegeben. In Wirklichkeit existiert nur das ausschließliche Monopol des Senders, das auf dem Prinzip der Nicht-Reziprozität basiert.

Alles in allem sieht das Konzept Audience den Untertanen vor, das Sharing dagegen den Bürger. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, bietet sich die Möglichkeit, dass eine große Zahl von Individuen sich vierundzwanzig Stunden am Tag in Echtzeit austauscht. Dabei können sie kraft ihrer Gedanken den gesamten Produktionsprozess kontrollieren. Diese Möglichkeiten strahlten weiter aus und durchdringen den Aktionsraum der demokratischen Vielfalt (Peer to Peer gleichbedeutend mit “Ich will es, ich nehme es mir.”/“Willst du es? Nimm es dir”). Eine Beziehung, die stets und ausschließlich gleichberechtigt ist.

biennale.py hatte eine Strategie erarbeitet, die in die vorgegebene Signalkette des herrschenden Audience-Modells einmündete, um von all ihren Möglichkeiten zu profitieren und im realen Raum zu gipfeln. AntiMafia hat den umgekehrten Weg gewählt, indem es sich sehr konkret als Moment der Reflexion und der Aktion auf der horizontalen und antagonistischen Signalproduktionskette konstituiert, wobei es das Sharing-Modell auf innovative Weise nutzt und interpretiert.

Mit der Verwendung des Gnutella-Protokolls versetzt AntiMafia jeden Benutzer in die Lage, seinen eigenen Computer ohne grosses technisches Know-how zur Bekundung seines Protests gegenüber jedem (Peer-to-Peer) zu nutzen, der in irgendeiner Form ethisch oder politisch nicht zustimmungsfähige Handlungen begeht – Unternehmen, multinationale Konzerne, politische Institutionen oder Regierungsstellen. In diesem Sinn bietet AntiMafia die erste öffentliche Dienstleistung, die Minderheiten jedweder Art gewidmet ist, die mit Störaktionen ihren Dissens verkünden möchten, indem sie laufende ‚Kampagnen’ im Netz unterstützen oder solche vorschlagen. Und dies ist ein nicht unwichtiger Punkt bei der AntiMafia-Software, wenn man davon ausgeht, dass der Wert des Programms sich aus seinem absoluten Gleichheitsprinzip ergibt. Das ist konträr zum leninistischen Gedanken einer mit überlegenen Mitteln (in diesem Fall technologischer Kompetenz) ausgestatteten Avantgarde, die in einer vertikalen, hierarchischen Befehlskette handelt und zur Aktion aufstachelt. Sämtliche Protestaktionen im Netz haben stets dieses Prinzip aufrechterhalten, und damit auch den Charakter des digital divide innerhalb eben dieses vom informatisierten Westen gebildeten Horizonts. Mehr noch: die Anordnung reduziert die Zustimmung des Einzelnen, der nicht zu den hoch Technologisierten gehört, und damit der Mehrheit der Teilnehmer an der Protestaktion zu einem lediglich symbolischen und dieser Elite untergeordneten Akt, reduziert aber auch die Aktion selbst unter dem Gesichtspunkt ihrer Effektivität.

“Es ergibt sich von selbst, dass Political Correctness nicht unsere Sache ist, AntiMafia verbreitet den Virus der Solidarität. Wo die Ungerechtigkeit keinerlei Hindernisse vorfindet, wird AntiMafia zu einem intuitiven und effizienten Instrument von Dissens im Netz.”

Wenn sich jemand ein Gerät, einen Seismographen wünscht, der misst, wie viel sich in Sachen Protest im Netz tut, der auch die Bereitschaft zu Teilnahme und Austausch bei den aktiven Communities findet, dann wird eines ihn zufrieden stellen: und das ist AntiMafia. Wenn jemand nach einer überlegenen Demonstration des revolutionären demokratischen Modells sucht, für das das Internet heute steht, wird er nicht enttäuscht werden: auch das ist AntiMafia, das garantiert entbürokratisierteste und entstaatlichteste Instrument, das es gibt. Und wenn dann noch jemand nach der notwendigen Gegenmacht zum herrschenden neoliberalen Semiokapitalismus verlangt, dann braucht er nur vorzutreten: denn es ist AntiMafia. AntiMafia hat keine bestimmte Farbe, ebensowenig übrigens wie die neue globale Bewegung selbst. Doch ebenso wie sie ist AntiMafia inspiriert von der Intensität des Protests und der Notwendigkeit der Aktion. Kontrolle der Regime (ob politisch, ökonomisch oder sozial) von unten – das ist das neue Gesetz, das AntiMafia im Netz durchsetzt.


AntiMafia, ein Kunstwerk?

Das was an einem Kunstwerk tatsächlich mit Geld zu kaufen ist, ist dass es der allgemeinen Öffentlichkeit entzogen wird, um sich als Eigentum im Inneren einer eingeschränkten Gemeinschaft zu bewegen, einer Elite, einer Aristokratie, deren Potlach dazu dient einen Wertgewinn für das Objekt zu erzielen. In Wirklichkeit ist dies eine andere Art ist, über die sich eine Kaste sich selbst definiert und es ist nicht im Sinne eines formal gleichen Austauschs im Rahmen des normalen marktwirtschaftlichen Wettbewerbs. Noch einmal halte ich mich an Baudrillard:

“In Wirklichkeit gehört auch das, was als die Psychologie des Kunstliebhabers bezeichnet wird, vollständig in das System des Austauschs. (...) Die psychologische Beziehung zwischen dem Individuum und dem Objekt ist daher nicht der Ausgangspunkt des Fetischismus und das, was das Tauschprinzip stützt. Es ist nie ‚der Objektfetischismus,’ der den Tausch seinem Prinzip nach stützt, ‚sondern das soziale Prinzip des Tausches, das den Fetischwert des Ojekts stützt.” J. Baudrillard, ebenda

Also bezahlt uns, wann ihr wollt.