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Jutta Steidl: Wenn ( ) Dann ( )
Florian Cramer: Die Sprache, ein Virus?
Csilla Burján: Chronologie der Viren
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Der Virus, seine Faszination und die selbstreproduzierenden Codes

Von Alessandro Ludovico

--> Biografie & Quellen


Unsere Vorstellung von Viren in der gegenwärtigen Gesellschaft stammt von den jüngsten Epidemien (und hier vor allem von AIDS) ab – und von unserer angeborenen Furcht vor der Eroberung unseres eigenen Körpers durch andere Organismen, die ihre Funktionsmuster regenerieren, um den Wirtskörper noch leichter infiltrieren zu können. Abstrahiert man diese Vorstellung, gibt es Parallelen zur Informationsgesellschaft, in der wir leben: so etwa die Angst vor einer kulturellen Ansteckung, die unsere eigene Identität ins Wanken bringt und die umso unvermeidbarer wird, je weniger kommunikative Distanz es gibt. Die dunkle Faszination der Viren besteht in ihrer Fähigkeit zur Anpassung und zur blitzschnellen Verwandlung. Die gleichen Charakteristika zeichnen indes auch Computerviren aus. Ihre Fähigkeit, in andere Systeme einzudringen und so die Kontrollmechanismen dieser nicht ausreichend geschützten Systeme bloßzulegen, begründet deren Wichtigkeit für einen großen Teil der Net.art.


Vom Verlust der Unschuld

Die gesamte potenzielle Zerstörungskraft des Codes lässt sich programmieren als wäre er ein fernzündbarer Sprengsatz. Ein solcher Mechanismus trägt seinem User einen notwendigen “Verlust der Unschuld” ein, und zwingt ihn dazu, sich über die Faszination der flimmernden Bilder hinaus der Existenz von ungeahnten technischen Möglichkeiten bewusst zu werden.
Die Herrschaft des Menschen über die Maschine, die er mittels der Tastatur, einer Art verbalen Prothese, und der Maus als Zepter, ausübt, wird ernsthaft in Frage gestellt. Der Ansatz der Netzkünstler hatte viel mit dieser programmierten Invasion von außen zu tun, wobei sie sich in einem solchen Kräfteverhältnis gewöhnlich auf die stärkere Seite schlagen. Einige Beispiele möchte ich hier aufführen:

Die Etoy beispielsweise, ein Kollektiv von Medien- Agitatoren, waren unter den ersten, die das Konzept eines “kulturellen Virus” genutzt haben, um ihre Propaganda systematisch zu ordnen und mit ihr die Systeme des kommerziellen Marktes (etoy. CORPORATE IDENTITY, 1994) und der Finanzwelt zu unterwandern (etoy. SHARE, 1998/99). Hier wurde der Virus als Waffe eingesetzt, als ein unaufhaltsames Werkzeug der Durchdringung, das analog zu David gegen Goliath die Invasion in ein fremdes Territorium und dessen Beherrschung ermöglichte.

Auch Jodi, die Enfants terribles der Net.art, haben vor allem in ersten Arbeiten wie “OSS” die schrille Ästhetik des anormalen und unvorhersehbaren Verhaltens von Computern evoziert.

Vor allem die Kanadierin Tara Bethune-Leamen mit ihrer “Virus corp.” rechtfertigt sehr stark die Konnotation einer Angriffswaffe und ermöglicht dem User, symbolisch den Teil einer beliebigen Website zu zerstören, indem ein Tierbild die aseptische Ästhetik korporativer Internetauftritte zer- stört. Auf diese Weise wird der “Virus” eine Hilfskonstruktion für seine Verfasser, sofern sie ihn auf radikale Weise einsetzen. Und schließlich unterstützt er sie in ihrer subversiven Haltung.

Eine weitere, weniger aggressive Herangehensweise übt Joseph Nechvatal aus, der in der Version 2.0 seines “Virus Projekt” eine Software als künstliches Lebewesen mit den Eigenschaften eines Virus auf seine abstrakten Bilder anwendet, die dann mit der fortschreitenden Infektion des Programms ihre Farben und Formen ändern und ihre ursprünglichen Inhalte verlieren.

Und auch in [collection] von Mary Flanagan wird die Gewalt des Eindringens nicht als Teil einer instrumentell ausgeübten Handlung beschrieben. [Collection] ist vielmehr eine auf [phage] basierende Anwendung, eine frühe Arbeit derselben Künstlerin. Hier spürt die Anwendung Unmengen von heterogenen Daten im Labyrinth aller vernetzten Computer auf, die dieselbe Software installiert haben, und stellt sie in einem dreidimensionalen, belebten Raum in einen neuen Zusammenhang. Danach nehmen die Künstler angesichts dieser hinreichend komplexen Ideen und Algorithmen die Hilfe professioneller Programmierer in Anspruch, um die Gestalt ihrer elektronischen Kunstwerke umzusetzen.

Die Gruppe epidemiC versöhnt den technologischen Aspekt mit ihrer deutlichen Vorliebe für die Ästhetik des Quellcodes. Mit ihrer “biennale.py” ist es ihnen gelungen, die Medien der Biennale in Venedig zu verseuchen, worauf diese ihrerseits umgehend die Nachricht über einen Computervirus an die Öffentlichkeit gegeben hat, der sich zwischen den Ausstellungspavillons herumtreibe. Über all diese Aufregung wurde übersehen, dass der verwendete Code nur in einer kaum verbreiteten Programmiersprache funktionierte, dem Python. Der interessantere Aspekt besteht dagegen darin, dass sich in der Gruppe der Künstler- Programmierer die Idee durchgesetzt hat, dass der einzige Zweck eines Virus “darin besteht, zu überleben” und ihm damit eine neue ästhetische und soziale Wertigkeit zu verschaffen und die bisher in den Medien verbreitete Überzeugung von der immanenten Bösartigkeit jeder wie auch immer gearteten Form von Viren zurückzuweisen.


Der Unterschied zwischen guten und bösen Viren

Viren sind somit nicht nur – wie auch der berühmte Zoologe Richard Dawkins nachweist – einfache Verursacher eines Eindringens, sondern sie hängen immer mit zwei genau nachweisbaren Gegebenheiten ihrer Umgebung zusammen, die ihnen ihre Existenz und ihre Reproduktionsfähigkeit erst ermöglichen: Die eine ist die Fähigkeit des Systems, Informationen genau zu wiederholen und gegebenenfalls Fehler auch mit derselben Genauigkeit nachzubilden. Die andere besteht in der Bedingungslosigkeit, mit der das System alle Anweisungen befolgt, die es in den solchermaßen wiederholten Informationen enthalten findet. Diese Ansicht teilen die Virus-Writer wie der Australier Dark Fiber, der behauptet, “ein guter Virus sollte einen Apparat infizieren, ohne seine Funktion in irgendeiner Weise zu unterbrechen.” Tatsächlich schreiben zumindest jene Virenprogrammierer, die die Magie des ausführenden Codes entwerfen und umsetzen können, eine wahrhafte Literatur in der Sprache der Informatik, und sie scheinen eine höhere Auffassung vom Virus zu haben als nur die eines simplen Handlungsinstruments. Oft haben sie mit dem Schreiben von Viren nach einer Infektion ihrer eigenen PCs begonnen, wodurch in ihnen eine Wissbegier geweckt worden sein muss, die sie dazu getrieben hat, den Code genauer zu analysieren, der die Veränderung ihres “informatischen Herrschaftsbereiches” zu verantworten hatte. Genau dies ist einem der angesehensten Virenschöpfer der frühen neunziger Jahre geschehen: Hellraiser, Mitglied der Gruppe Phalcon/Skism und Gründer von 40Hex, einer elektronischen Zeitschrift von Virenprogrammierern, die durch ihre konzisen und erhellenden Beiträge dem größten Teil der amerikanischen Virus-Writer Anregungen verschafft hat.

Eine der erstaunlichsten Charakteristika von Viren besteht ja tatsächlich darin, dass sie sich über Jahre hinweg (anscheinend für immer) weiter übertragen und dabei in jeder Hinsicht selbst Medium werden – und das Internet bezeugt dies jeden Tag. So erklärt auch Jean Baudrillard in Cool Memories:

“Im Computernetzwerk verbreitet sich der schädliche Effekt der Viren noch schneller als der positive Effekt des Informationsgehaltes. Deshalb ist der Virus selbst eine Information. Wenn er sich besser als andere in einem biologischen Sinne ausbreitet, liegt das daran, dass er zugleich Medium und Botschaft ist. Er verwirklicht so die ultramoderne Form von Kommunikation, in der gemäß McLuhan die Information in nichts mehr von ihrem medialen Träger unterschieden wird.”

Viren haben also ihre eigenen Methoden, zu überleben und sich innerhalb des Computersystems zu reproduzieren, und ihr notwendiger Egoismus steht in schärfster Opposition zum Wollen des Users und seinem Besitz an dem Telematikapparat, der ihm allmählich enteignet wird. Gegenteiliges Handeln bestünde in der Bemühung, allen die Mittel zur Produktion von Viren an die Hand zu geben und sich dadurch die intellektuelle Kontrolle über das Mittel wiederanzueignen. Der Rumäne MI_pirat beispielsweise, ein weiterer Virus-Writer, hatte seine Site programmiert, einfache Viren vom Typ der Makroviren hervorzubringen – und dies auf der Basis von auch ohne die geringsten Kenntnisse des Programmierens zugänglichen Befehlen. Der Verfasser hat dabei betont, dass es niemandem, der diese Art von Code schreibt, um das Verursachen von Schaden gehe, sondern vielmehr um den Ausdruck einer schätzenswerten Innovation.

Es lohnt sich, noch einen Moment lang einige soziale und kulturelle Überlegungen zur elektronischen Kommunikation anzustellen, die ein Virus, besser gesagt ein “Wurm” wie “sircam” aufwirft, wenn man beobachtet, auf welche Weise er sich im Netz verbreitet. Er wählt ein Dokument von der Festplatte, verschickt es an alle Adressen im Adressbuch der Mailbox und vermischt so das Öffentliche, das Private und alles Interpersonelle. Dies ist aber nur machbar, weil jede Information reproduzierbar ist und es die Möglichkeit der sofortigen Verbreitung im Netz gibt.

Wenn wir bedenken, dass die vernetzten PCs Informationen und Signale genauso versenden wie die Synapsen unseres Gehirns, dann kann auch der Virus und seine Art, Informationen zu sammeln und zu erschaffen, mit unserer eigenen Schöpfung von Sprachen verglichen werden. Dies eröffnet neue Perspektiven für die Konzeptualisierung der Rolle und selbst des Wesens der Computerviren als einer Form von Sprache: eine vielleicht noch aktuellere Form, als wir es uns heute vorstellen können.