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I love you
Der Katalog
Franziska Nori: I love you
Massimo Ferronato: Die VX-Szene
Sarah Gordon: Die Neuordnung ethischer Lehrpläne
Alessandro Ludovico: Der Virus, seine Faszination
epidemiC: Action Sharing
epidemiC: AntiMafia
epidemiC: Audience versus sharing
0100101110101101.0rg: Vopos
Jaromil: :(){ :I:& };:
Jutta Steidl: Wenn ( ) Dann ( )
Florian Cramer: Die Sprache, ein Virus?
Csilla Burján: Chronologie der Viren
Humboldt-Universität: Glossar der Virenarten
Fotos der Ausstellung
Was ist ein Computervirus?
viren_links
Der Flyer
Das Plakat
origami digital - Demos without Restrictions
SMS museum guide
digitalcraft STUDIO
Die VX-Szene

Von Massimo Ferronato, (epidemiC) Crew

Ein Virus ist ein Programm, das andere Programme verändern kann, wobei es eine Kopie von sich selbst einfügt und so die Programme infiziert. Die Definition eines Virus, wie sie von Fred Cohen 1983 auf dem Seminar über Sicherheit bei der UCLA vorgeschlagen wurde, wird den zahllosen derzeit existierenden Virusvarianten nicht gerecht, ist jedoch als Standard akzeptiert. Die Studie nannte einen Programmtyp, der sich selbst reproduzieren und verbreiten kann und sich zum Angriff auf ein beliebiges informatisches System verwenden lässt. Einige Computer wurden mit einer Reihe von Programmen infiziert, die eigens zu diesem Zweck geschaffen worden waren und die deren Ausbreitungsgeschwindigkeit und Ausbreitungsfähigkeit deutlich machten.

Die ersten Viren

Cohen war sich über das Risiko des Eindringens von Viren in das informatische Umfeld bewusst, doch konnte er sich die soziologischen Auswirkungen, die wenige Jahre später entstehen würden, nicht vorstellen. 1987 kam es zur ersten Ausbreitung eines Virus außerhalb eines Labors oder, wie es im Jargon heißt, "in the wild." Viren sind die kompliziertesten Programme, auch wegen ihrer geringen Dimensionen. Durch das Maß an Kenntnissen, das bei ihrer Kompilierung angewendet wird, liegen sie außerhalb der Möglichkeiten der meisten Programmierer. Ihre Komplexität beschäftigt die besten Köpfe der Programmierclubs auf der ganzen Welt.

Die besten Köpfe der besten Clubs: die Szene

Szene ist der übliche Ausdruck zur Bezeichnung der Gesamtheit einiger Gruppen von Programmierern. Es existieren zahlreiche Szenen. Die bekanntesten Szenen sind die Demo-Szene, die sich mit der Ausarbeitung von Bild- und Klangerzeugungsprogrammen beschäftigt, die Warez- Szene, die sich mit der Verbreitung von Software beschäftigt, und die VX-Szene, die sich mit der Produktion und Verbreitung von selbstreproduzierenden Programmen oder Viren beschäftigt. Neben der Warez-Szene und der VX-Szene ist die Demo-Szene wahrscheinlich die interessanteste, was die Qualität der Resultate angeht. Sie katalogisiert die Produktion der verschiedenen Gruppen in eisernen Kategorien, innerhalb derer Dimension und Programmierarchitektur nicht nach Belieben gewählt werden können. Jede Szene besteht aus einer großen Anzahl von Gruppen, selten aus Einzelpersonen, die sich leidenschaftlich für die fortgeschrittensten Programmiertechniken begeistern. Sie verfügt über einen eigenen deontologischen Kodex, dessen Missachtung zu fehlender Anerkennung der eigenen Arbeit führt. Eine Szene verfügt nicht über eine zentrale Organisation, aber sie bezieht sich auf Internet-Portale, durch die der Informationsaustausch, die Verbreitung der Arbeiten und somit die Identifizierung durch andere Gruppen ermöglicht werden. Im Unterschied zu den illegalen VX- und Warez-Szenen hat die Demo-Szene auch ein Leben außerhalb des Netzes. Die Mitglieder der verschiedenen Gruppen treffen sich regelmäßig auf Versammlungen, die von der größten Gruppe der jeweils gastgebenden Stadt organisiert werden, um Informationen über die neusten Technologien auszutauschen, Seminare abzuhalten oder an den zahlreichen Wettbewerben zur Auswahl der besten Arbeiten teilzunehmen. Die Zugehörigkeit zu den besten, den Elite-Gruppen, ist an die Demonstration der eigenen Fähigkeiten und Kompetenz gebunden und alles andere als einfach zu erreichen. Die Kontaktaufnahme mit VX-Gruppen ist schwierig. Sie setzt eine lange Lehrzeit sowie eine eigene Produktion voraus. Man tritt diesen Gruppennicht bei, sondern wird gerufen. Mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird der Erwerb des gemeinsamen kulturellen Wissensstandes möglich, der von ihren Mitgliedern über die Jahre aufgebaut und angesammelt wurde. Die Vollkommenheit der Kenntnisse, eine tiefe Wertschätzung der Elite-Gruppen, das leidenschaftliche Suchen nach der besten Technik zur Lösung eines Problems, ein ästhetischer Ansatz beim Programmieren, beschreibbar als das Verhältnis zwischen der Schönheit des Codes und dem Resultat, das er liefert - das sind einige der Charakteristika, die allen Gruppen gemeinsam sind. Programmierung nicht als Mittel zur Erzeugung von Kunst, sondern als Kunst an sich, bewertet nach Kriterien von Schönheit, Eleganz, Proportion und Effizienz. Die Szene ermöglicht es, dieses ästhetische Instrumentarium zu teilen, und schafft so ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Minderheit, die keinerlei missionarischen Eifer hegt.

Anfängern sind die Szenen verschlossen

Gefragt ist die Fähigkeit, sich weitgehend Wissen autodidaktisch aneignen zu können, ein Vorrat an erworbenen Kenntnissen, ein Maß absoluten Engagements. Wer die Voraussetzungen nicht erfüllt, wird ausgeschlossen als jemand, der unfähig ist, die Bewegung und ihre Werte zu erfassen. Die Szene ignoriert den Produktionsprozess. Die entstandenen Resultate können nicht kommerzialisiert werden, niemand erwartet, für seine Mühe irgendetwas zu bekommen. Events werden nach elitären, präzisen und anerkannten Verfahren bekannt gegeben. "Assembly," das jährlich in Helsinki stattfindende größte Treffen der Demo-Szene, versammelt mehr als 4.000 Menschen, die den Benachrichtigungen auf den Websites der teilnehmenden Gruppen folgen. Die Szene erschafft sich ihre eigenen Mythen. Die Scener erschaffen auch ihre eigene Sprache, den "Code". Beides ist, außerhalb der Szene, in der die Namen der berühmtesten Gruppen und Programmierer unbekannt sind, schwer zugänglich und schwer nachvollziehbar. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Welt wird durch den Einsatz die Verwendung von Techniken, die von der offiziellen Informatik nicht mehr genutzt werden, wie schwer erlernbare Programmiersprachen (Assembler) weiter verstärkt. Die Wahl besteht nicht darin, die anspruchsvollste Technologie zu verwenden, sondern auf anspruchsvolle Weise mit dieser Technologie zu arbeiten, mit einer Virtuosität, die Simplizismen und Redundanzen ablehnt, um die beste Lösung, das beste Programm, den elegantesten Code zu erzeugen. Viren sind ein Manifest der Genialität, Werke, die den Namen ihrer Autoren in der Szene und in der Außenwelt projizieren, sich reproduzierende Wandgemälde mit der Fähigkeit, zu reisen und vom Können ihres Schöpfers zu künden.